82 Nach wie vor leiden die Telefonistinnen auch unter ihrem geringen Einkommen. Seit einigen Jahren haben sie zwar Zugang zu einem Pensionssystem, das ihnen aber einen beträchtlichen monatlichen Beitrag von ihrem dürftigen Sold abverlangt. Auch nur zögerlich hat man ihnen eine bescheidene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zugestanden. Bezahlte Erholungsurlaube und freie Tage können von den Direktionen gewährt werden, ein Rechtsanspruch besteht nicht. Auch auf ein definitives Anstellungsverhältnis haben die Frauen lange warten müssen, wobei ihnen der Beamtenstatus weiterhin verwehrt bleibt. Die Arbeiterinnen-Zeitung berichtet über die„weißen Sklavinnen“ und postuliert, der Staat sei der „habgierigste und rücksichtsloseste Brotherr“, biete neben einer„elenden Besoldung“ nur die Option, sich unterzuordnen nach der Devise:„Maulhalten und weiterdienen mit krummem Rücken“: „Daß sie benachtheiligt und unterdrückt sind, haben die Frauen im Staatsdienste gleich allen anderen arbeitenden Frauen längst eingesehen; sie werden und müssen mit der Zeit auch die nöthige Thatkraft finden, um für gleiche Pflichten auch gleiche Rechte zu fordern und sich nicht als minderwertige Arbeitskräfte behandeln zu lassen, welchen man eine Entlohnung zumuthet, die man einem Mann kaum bieten dürfte.“ 22 Andererseits erwartet ihr Arbeitgeber viel von ihnen. Bewerberinnen sollen aus gutem Haus stammen, entsprechende Erziehung und Bildung mitbringen und eine umfangreiche Berufsausbildung absolvieren. Der Stoff reicht von Verkehrsgeografie über die französische Sprache bis zum praktischen Postdienst, dem Postsparkassendienst, dem Telegrafenund dem Telefondienst. In der Wiener Telegrafenzentrale, wo neben hunderten Telegrafisten mittlerweile auch zahlreiche Telegrafistinnen beschäftigt sind, herrschen ähnliche Zustände wie in den Telefonzentralen. Rund sieben Stunden täglich verrichten die Bediensteten unter den wachsamen Augen von Kontrolloren bei hektischer Betriebsamkeit, schlechter Luft, Hitze oder Kälte und Lärm ihren Dienst.„Es klappert und rasselt, es klirrt und lärmt, es surrt und summt. Ein Geräusch wie von hundert Webstühlen, aufgestellt am Ufer des brandenden Meeres“, 23 schreibt das Neue Wiener Journal . Eine Quelle des Lärms ist der so genannte„Klopfer“, der nach internationalem Vorbild anstelle des Morseschreibers eingeführt worden ist. Dabei handelt es sich um ein spezielles Relais mit einem Hebel, der auf einen Amboss schlägt, um eingehende Morsezeichen hörbar zu machen. Zur Verstärkung des Geräusches wird der Klopfer in eine kleine hölzerne Schallkammer gestellt. Da eingehende Telegramme nun einzig nach Ge-
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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