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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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84 165.000 Kilometer an Telegrafendrähten und knapp 5.500 Telegrafenstati­onen. Er wickelt jährlich mehr als 15 Millionen Telegramme ab. 26 Auf den meisten der in der Telegrafenzentrale einmündenden Leitungen arbeiten Morseklopfer, die nach und nach die Farbschreiber ersetzen. Es handelt sich dabei um nachgeordnete Strecken, die als Zubringer zu den großen Verbindungsstrecken dienen. Auf hochrangigen Strecken werden effiziente Apparate verwendet, Hughestelegrafen etwa, die in der Zentrale bereits zu Dutzenden laufen. Zur Beschleunigung der Abläufe sind sie mittlerweile mit einem Motorantrieb ausgestattet, wodurch den Bediensteten zumin­dest die Mühsal des ständigen Gewichthochhievens erspart bleibt. Technisch gesehen, verweist die Entwicklung auf immer schnelleren Betrieb. Zwischen Wien und Paris arbeiten Mehrfachtelegrafen neuen Typs, die der französische Telegrafenbeamte Jean-Maurice-Émile Baudot entwickelt hat. 27 Damit ein Telegramm nach Paris und gleichzeitig ein weiteres auf derselben Linie etwa nach Lyon übermittelt werden kann, gibt ein rotierender Verteiler,Distributeur genannt, den angeschlosse­nen Apparaten abwechselnd kurze Zeitfenster zur gemeinsamen Leitung frei. Das Geben der Zeichen erfolgt über eine Tastatur aus fünf Tasten. In Ruhestellung sendet jede von ihnen Strom vom positiven Pol der Batte­rie in die Leitung; wird sie gedrückt, vom negativen. Baudot hat für sein Telegrafenalphabet jedem Buchstaben und jeder Ziffer eine Kombination aus fünf solchen Zuständen zugewiesen, die, je nach Stellung der Tasten, gedrückt oder nicht gedrückt, als positiver oder negativer Strom in die Leitung gehen. Um mit den insgesamt zur Verfügung stehenden 32 Mög­lichkeiten alle Buchstaben und Zahlen samt Interpunktionen darstellen zu können, müssen sie doppelt verwendet werden. Zwei spezielle Umschalt­zeichen dienen dazu, anzuzeigen, dass es sich beim unmittelbar folgenden Zeichen um einen Buchstaben oder eine Ziffer handelt. Der Telegrafist muss wie beim Hughestelegrafen die Tasten eines Zeichens jedoch immer im richtigen Augenblick drücken. Drückt er zu früh oder zu spät, verfehlt er das Zeitfenster und es kommt zur Textverstümmelung. Drückt er zu kurz, kann der betreffende Impuls unterwegs verloren gehen, drückt er zu lang, kann er ihn ungewollt doppelt senden. Ein akustischer Taktschlag hilft, den richtigen Moment zu erwischen. Auf der Empfängerseite wird durch die fünf Stromstöße das Typenrad in Gang gesetzt, um das übermittelte Zeichen zu drucken. 28 Das jüngste unter den im Telegrafengebäude verwendeten Systemen ist das von Donald Murray, eines aus Neuseeland stammenden Journalisten und Telegrafenkonstrukteurs. Es handelt sich um einenSchnelltelegra­phen, der die händische Eingabe und damit eine ewige Schwachstelle beseitigt, weil er Telegramme in Form von vorgestanzten Lochstreifen ab-