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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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94 anzuhören und von atmosphärischen Störungen und anderen Sendern leicht zu unterscheiden. Abgesehen davon, dass der neue Sendertyp bei gleicher elektrischer Leistung ein Vielfaches an Reichweite erzielt, geht der Empfang mit einem Detektor deutlich schneller und ist weitaus stabiler als mit einem Kohärer. 11 Die Entwicklung geht deshalb weg vom Morseschrei­ber und hin zum Hörempfang, was freilich bedeutet, dass monatelang Personal im Gehörlesen geschult werden muss. 12 Die neue Technik kommt auch in der Großfunkstation in Nauen bei Berlin zum Einsatz, die Telefunken zu Erprobungszwecken einrichtet. Anfangs arbeitet die Anlage mit einem Knallfunkensender, der immerhin schon mehr als 1.000 Kilometer Reichweite erzielt. Es wird auf langen Wellen gesendet, welche für die Abstrahlung wie den Empfang hoher Antennen­türme bedürfen. In Nauen steht zunächst ein 100 Meter hoher Antennen­mast zur Verfügung. Durch Umrüstung auf das neue System derTönen­den Funken und Erhöhung der Sendeleistung steigt die Reichweite auf 4.600 Kilometer. Damit scheinen die hochfliegenden Pläne realisierbar, mit Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika, vor allem aber mit den deutschen Kolonien in Afrika und anderen fernen Teilen der Welt in Ver­bindung treten und der britischen Dominanz im weltweiten Telegrafennetz begegnen zu können. 13 Auf See dominiert noch Marconi. Die auf Schiffen eingesetzten Funker sind Angestellte seiner Betriebsgesellschaft. Die Reedereien entrichten an diese einen jährlichen Betrag und ersparen sich dadurch, selbst Personal auszubilden. Vor allem die viel befahrene Nordamerikaroute wird von Marconi beherrscht. Sogar die beiden größten deutschen Reedereien, die Hamburg-Amerika-Linie(HAPAG) und der Norddeutsche Lloyd sind in langfristigen Verträgen an ihn gebunden. Doch versucht der deutsche Konkurrent Telefunken auch in diesem Bereich Fuß zu fassen. Dabei spielt ihm in die Hände, dass der anwachsende Funkverkehr zu immer mehr Störungen führt, was internationale Abkommen nötig macht. Im Zentrum der Gespräche steht neben der Vermeidung von Störfunk auch das Marconi-Monopol. Die Länder England und Italien, wo Marconi sein System erfolgreich etabliert hat, stützen es, Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Amerika treten vehement für dessen Abschaffung ein. Es kommt im Oktober 1906 zu einem Kompromiss. Ein erzieltes Übereinkommen erzwingt denwechselseitigen Austausch der Funkentelegramme zwischen Küstenstationen und Bordstationenohne Unterschied des von ihnen benützten funkentelegraphischen Systems. 14 Das bedeutet, dass Marconi seine Stationen für den Verkehr mit Funkge­räten anderer Hersteller freigeben muss. Ausgenommen bleibt jedoch der Funkverkehr von Schiff zu Schiff. Zumindest auf hoher See, wo es aufgrund