96 einer weiteren Durchsuchung werden Leichenteile gefunden, woraufhin eine Fahndung nach dem vermeintlichen Mörder eingeleitet wird. Am 25. Juli bringt die Wiener Neue Freie Presse ein Korrespondententelegramm aus London, wonach sich dieser nach Kanada abgesetzt haben soll… 18 Tatsächlich hat Crippen unter dem Namen Reverend Robinson gemeinsam mit seiner Geliebten, die sich als sein Sohn ausgibt, in Antwerpen das Dampfschiff Montrose bestiegen, das Kurs auf Kanada nimmt. An Bord des Dampfers schöpft jedoch ein Steward angesichts des schlecht verkleideten Paares Verdacht. Er meldet seine Beobachtung dem Kapitän, welcher dies per Funk der Reederei mitteilt. Die brisante Nachricht gelangt zu Scotland Yard , woraufhin sich ein Polizeibeamter auf den Weg macht. Er besteigt ein Schnelldampfschiff, um Crippens Schiff zu überholen und vor ihm in Kanada anzukommen. Basierend auf telegrafischen Nachrichten aus London, berichten in den folgenden Tagen Zeitungen in aller Welt über die„aufregende Jagd über den Ozean“. 19 Die Spannung wird dadurch erhöht, dass die Schiffe auf hoher See eine Zeitlang nicht erreichbar sind. So lange stehen wichtige Fragen unbeantwortet im Raum: Wird der Schnelldampfer mit dem Polizisten an Bord Crippens Schiff überholen können? Verbirgt sich hinter dem verdächtigen Reverend der gesuchte Mörder? Weiß er von seinen Verfolgern? Die nächsten eintreffenden Telegramme des Kapitäns lassen vermuten, dass er und seine Begleiterin nichts von dem ahnen, was die Welt längst weiß, was die Times nachträglich so ausdrückt: „Es war etwas überaus Spannendes, fast schon Unheimliches an dem Gedanken, dass diese beiden Passagiere in dem Glauben über den Atlantik reisten, ihre Identität und ihr Aufenthaltsort seien niemandem bekannt, während man doch in allen Ecken der zivilisierten Welt über beides bestens unterrichtet war.“ 20 Am Ende geht der Plan von Scotland Yard auf. Der Polizist trifft vor Crippen in Kanada ein und als dessen Schiff am Morgen des 31. Juli 1910 anlegt, kann er den mutmaßlichen Mörder noch an Bord verhaften. Schon am nächsten Tag berichtet die Neue Freie Presse in Wien, gestützt auf aktuelle Telegramme, ausführlich darüber. 21 Es heißt in der Folge, Crippen habe ein Geständnis abgelegt, bald aber auch, dass er dementiere. Jedenfalls wird er zurück nach England gebracht, vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Funktechnik hält indes auch in Österreich-Ungarn Einzug. In den Adriahäfen Pola, Sebenico und in Castelnuovo bei Cattaro werden Küsten-
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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