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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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104 überseeischen Welt abgeschnitten sehen. Sie sind auf die deutsche Groß­funkstation in Nauen bei Berlin, die eine Funkverbindung mit New York unterhält, zurückgeworfen sowie auf die österreichische Küstenfunkstation Pola, die zumindest das neutrale Spanien erreicht. Man sieht sich einer übermächtigen Propaganda der Briten ausgeliefert, die ihr weltweites Kabelnetz für einenLügenfeldzug in der internationalen Presse benut­zen würden. Durch die Londoner Nachrichtenagentur Reuters werde in neutralen Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika gezielt Feind­seligkeit gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn ge­schürt. Diese würden als alleinige Kriegsschuldige dargestellt und brutaler Misshandlungen bezichtigt. 3 Man kann dem nichts entgegnen und muss befürchten, dass die Stimmung in den neutralen Ländern kippt und sie in den Krieg gegen die Mittelmächte eintreten. Die Berichterstattung wird Teil der Kriegsführung. Gleichzeitig versucht die Regierung in Wien der eigenen Bevölkerung gegenüber den Mythos vom gerechten Krieg aufrechtzuerhalten, um sie bei den Fahnen zu halten. Zeitungen aus dem feindlichen Ausland werden verboten, die eigenen im Kriegsüberwachungsamt im Gebäude des Kriegsministeriums zensuriert, formell, um militärische Geheimnisse zu schützen, faktisch, um zu verhindern, dass sich unliebsame Wahrhei­ten, etwa über Niederlagen, verbreiten. Beim österreichisch-ungarischen Armeeoberkommando hinter der Front wird das Kriegspressequartier eingerichtet, wo ausgesuchte Korrespondenten und einige Korresponden­tinnen akkreditiert sind. Sie erhalten von der Armeeführung Nachrichten zur aktuellen Lage, die sie ihren Zeitungen zum Abdrucken übermitteln dürfen. 4 Eigene, vom Militär nicht zensurierte Wahrnehmungen zu telegra­fieren, ist strengstens verboten. Durch das amtliche k.k. Telegraphen­Korrespondenzbureau erhalten die Zeitungen überdies den offiziellen Heeresbericht zum Veröffentlichen, gemeinsam mit dem deutschen, den das regierungsnahe Wolff´sche Telegraphische Bureau aus Berlin über­mittelt. Außerdem ergeht täglich ein offizielles Zirkulartelegramm des k.k. Telegraphen-Korrespondenz-Bureaus an sämtliche Telegrafenämter bis in die entlegensten Alpendörfer, wo keine Tageszeitung existiert, zum Aushang in den Amtsstuben. 5 Alle Untertanen sollen mit zuversichtlichen Berichten über den Kriegsverlauf versorgt werden, um das Aufkommen von Kriegsmüdigkeit zu verhindern. Ähnlich penibel wie die Presse wird zur Wahrung militärischer Geheimnis­se auch der Staatstelegraf kontrolliert: Die Überwachung soll verhüten, daß durch Telegramme in offener oder versteckter Weise Angaben über die Schlagfertigkeit, Bereitstellung und