B. Die geistigen Grundlagen der Entwicklung des Markscheidewesens in Österreich.
Während wir bisher die geschichtlichen Grundlagen des Markscheidewesens in Österreich, die mit der geschichtlichen und rechtlichen Entwicklung des Bergbaus in Österreich aufs engste verbunden sind, betrachtet haben, sollen im folgenden nun die geistigen Grundlagen der Entwicklung des Markscheidewesens in Österreich kurz besprochen werden. Als die geistigen Grundlagen sind einerseits der allgemeine Bildungsstand zur damaligen Zeit und anderseits der Stand der markscheiderischen Grundwissenschaften, der Mathematik, der Physik und des Instrumentenbaus anzusehen.
Bezüglich des allgemeinen Bildungsstandes im 14. Jahrhundert muß man bedenken, daß zu jener Zeit im Volke die Kunst des Lesens und Schreibens ebenso selten war wie die Handhabung der einfachsten Rechenarten. Buchdruck gab es noch nicht. Um 1350 wurden die ersten deutschen Universitäten gegründet. Die Auswirkung dieser Bildungsstätten auf das Volk konnte sich nur langsam durchsetzen, praktische Verbindungen zum Bergbau lassen sich nicht nachweisen. 1
Es ist daher anzunehmen, daß um diese Zeit die Markscheider, etwa in Tirol oder auf dem Rammeisberg, durchwegs wissenschaftlich Selbstgelernte waren und ihre praktischen Kenntnisse auf dem Weg einer handwerksmäßigen Lehre erworben hatten. Wie der deutsche Bergbau ohne Vorbild war, so hatte auch der Markscheider keines. Die Markscheidertätigkeit trug eben damals den Charakter der empirischen Volkstechnik. Wechselwirkungen zwischen den Markscheidern Tirols, des Harzes oder des Erzgebirges sind für diese Zeit nicht anzunehmen. Jeder Markscheider wird nach örtlichen Überlieferungen gearbeitet haben, die uns heute fremd sind, und seine Kenntnisse dort gesucht haben, wo er nur konnte, wahrscheinlich bei benachbarten Grubenbetrieben.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts muß es bereits etwas besser gewesen sein, insbesondere, was die Kenntnisse in der Mathematik und im Lesen und Schreiben anbelangt. Die ältesten uns erhaltenen schriftlichen markscheiderischen Aufzeichnungen, die „Schinbücher“, stammen aus der Zeit um 1527. 2 Zahlen werden hierin in lateinischen Ziffern mittels deutscher Buchstaben ausgedrückt. Agricola wandte bereits verwickelte Rechnungsarten an, wie etwa eine Maßstabteilung für
1 W. Neiim, Entwicklung des Markscheidewesens auf dem Harz, 1. c., S. 35.
2 F. Kirnbauer, Die ältesten Dokumente deutschen Markscheidewesens, Mont. Rundschau, 27. Jg., H. 20, S. 1 bis 6 (1935). — F. Kirnbauer, Die österreichischen Schinbücher, Mont. Rundschau, 29. Jg., H. 20, T. Mo. 27 (1937). — Eine Arbeit des Verfassers über die Eisenerzer Schinbücher aus dem Jahre 1524 ist in Vorbereitung.