W inkelmessung.
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im Jahre 1669 erschienenen 1 „Karte von Oberösterreich“ abbildet (Bild 16). G. M. Vischer stellt auf dem Blatt „Meridies“ seiner Karte, der schon erwähnten Gepflogenheit folgend, sämtliche bei der Aufnahme verwendeten Instrumente verschiedenster Art dar, darunter unter anderen als Hauptinstrument einen gewöhnlichen, in 360° geteilten Setzkompaß. Neben diesem „Kompaß mit Teilung“ bildet Vischer jedoch auch einen Kompaß mit Wachsringen ohne Teilung 2 ab, der merkwürdigerweise die gleiche außermittige Anordnung der Bussole sowie eine in der Mitte der Scheibe befindliche drehbare Regel mit Ösen zum Schnureinhängen besitzt, wie ihn mehr als 100 Jahre früher bereits Agricola als sog. „Alpenkompaß“ abgebildet und beschrieben hat. Gegenüber dem von Agricola uns überlieferten „Alpenkompaß“ ist der „Alpenkompaß mit Wachsringen“ Vischers ohne Teilung, bloß mit vier Weltgegendbezeichnungen versehen und zum Zwecke der Anhaltemöglichkeit in einem viereckigen Holzgehäuse untergebracht. Georg Mathäus Vischers teilungsloser „Alpenkompaß mit Wachsringen“ muß demnach, wenn man ihn nicht als einen Rückschritt in der Ausführungsform der Kompasse bezeichnen will, zumindest als eine bemerkenswerte und wahrscheinlich notwendige Nebenform im Kompaßbau angesprochen werden. Als Grund hierfür ist wahrscheinlich der Bedarf eines teilungslosen Wachsscheibenkompasses selbst noch zur Zeit Vischers, also im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, anzunehmen, der seine Ursache möglicherweise in der nicht genügenden Anzahl und Ausbildung von ablese- und schreibekundigen Meßgehilfen hat. Hierdurch würde auch die lange Gleichzeitigkeit des Auftretens von teilungslosen Wachsscheibenkompassen und Kompassen mit Teilung ihre zwanglose Erklärung finden.
Was nun das Alter oder die Zeit des Gebrauches der „Wachsscheiben“ anlangt, so kann zusammenfassend bemerkt werden:
Wann die Wachsscheiben aufgekommen sind oder von wem sie erfunden wurden, läßt sich nicht sagen; die im Schrifttum geäußerte Ansicht, 3 daß Agricola der Erfinder der Wachsscheibenmethode sei, ist durch nichts gestützt. Ob die Wachsscheiben schon im 14. oder 15. Jahrhundert in Gebrauch waren, wird sich kaum je entscheiden lassen, immerhin wäre aber diese Annahme, da man um diese Zeit nicht nur Längen, sondern auch schon Winkel maß, möglich. Vielleicht oder wahrscheinlicherweise waren als Vorläufer der Wachsscheiben um diese Zeit schon ganz gewöhnliche Holzscheiben, bloß mit dem Mittelpunkt gekennzeichnet, in Verwendung gestanden, in welche man beim Winkelmessen entlang der gespannten Schnüre Kerben ins Holz schnitt oder mit Farben Marken anbrachte. Aus solchen einfachen „Holzscheiben“ dürften sich dann zum Zwecke der erleichterten Anbringung von Ablesemarken unsere Scheiben mit Wachsrillen entwickelt
1 Gr. M. Vischers Karte von Oberösterreich aus dem Jahre 1669 ist in zahlreichen Sammlungen vorhanden, z. B. O.-Ö. Landesarchiv, Oheröst. Landesmuseum, Linz a. D., Geogr. Seminar der Univ. Wien. — 1923 erschien ein Neudruck der Karte mittels der alten im O.-Ö. Landesarchiv auf bewahrten Kupfertafeln Vischers. — Ein Bild in F. Kirnbauer, Wachsscheibenmethode, 1. c., S. 43.
2 F. Kirnbauer, Wachsscheibenmethode, 1. c., S. 43.
3 P. Wilski, Lehrbuch der Markscheidekunde L, S. 1. Berlin 1929.