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1940: Siebentes Heft : Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich / von Franz Kirnbauer
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Winkelmessung.

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falsche Bahnen gegangen. Erst die letzten Jahre brachten neue Erkenntnisse hierüber. 1 Nach H. Winter 2 gilt heute folgende Anschauung:

1. Die magnetische Richtkraft ist unabhängig in verschiedenen Gegenden ent­deckt worden, was insbesondere für die Wikinger gilt.

2. Die alte Meinung, 3 der Kompaß sei von China über Arabien nach Europa gelangt, ist unhaltbar; sie beruhte auf einer Überschätzung der Zuverlässigkeit der chinesischen Quellen. Zwar steht das älteste, aber auch nicht einwandfreie Zeugnis für China mit spätestens 1093 (Shonkua) zeitlich vor dem ältesten europäi­schen mit 1187 (Neckam). Für die Mohammedaner ist die Kenntnis des Kompasses erstmalig durch den Perser Awfi 1220 nachgewiesen. Die Chinesen scheinen für wenigstens zwei Jahrhunderte nach Shonkua keinen Gebrauch vom Kompaß gemacht zu haben.

3. Das älteste europäische Zeugnis ist das des englischen Mönches Alexander Neckam, das in Ermangelung näherer Kenntnis in das Jahr 1187 gesetzt ward, 4 von dem aber H. Winter die begründete Vermutung ausspricht,, daß der Schrift NecKAMs eine ältere, aus dem 7. oder 9. Jahrhundert stammende Handschrift zugrunde fliegt. 2

Es sind somit auf Grund der neuesten Untersuchungen die Wikinger als Schöpfer des Kompasses anzusprechen; von ihnen ist auch bekannt, daß sie einen Segelstein (Leidarstein, ,,Sejerstein) hatten, der in einer Holzschale zum Schwimmen gebracht wurde. 2 Die Wikinger hatten weiter von altersher die Achtteilung des Horizonts im Mittelmeer dagegen war die Zwölfteilung üblich. Bei den alten nordischen Seefahrern sehen wir somit die Kenntnis und den Gebrauch der Wasserbussole; in Umkehrung der bisherigen Meinung haben die Wikinger dem Mittelmeer den Kompaß und seine Achtteilung, die seither Gemeingut geworden ist, zugebracht. Die einfachste Art einer Wasserbussole war die, daß eine mit Magneteisenstein magnetisch gemachte Nadel durch ein Stückchen Holz oder Schilfrohr gesteckt und in einer Schale auf Wasser gelegt wurde. Von den Seefahrern scheinen die Kirchenbauer 5 6 und von diesen die mittelalterigen Bergleute die Richtkraft des Magneten in Form der Wasser-

1 R. Hennig, Die Frühkenntnis der magnetischen Nordweisung. Beitr. z. Gesell, d. Technik u. Industrie. Berlin 1931/32. E. 0. v. Lippmann, Geschichte der Magnet­nadel bis zur Erfindung des Kompasses (um 1300). Quellen z. Gesell, d. Naturwiss. u. Medizin. S. 43. Berlin 1932. A. Nippoldt, Zur Geschichte des Kompasses. Naturwiss. H. 16. 1933.

2 H. Winter, Der Stand der Kompaßforschung mit Bezug auf Europa. Forsch, u. Fortschr. 12. Jg., S. 287, 1936. H. Winter, Die Nautik der Wikinger. Hansa Nr. 44. (1935).

3 F. M. Feldiiaus, Technik der Antike und des Mittelalters. S. 46. Berlin 1932. P. Wilski, Markscheidekunde II., S. 103.

4 A. C. Mitchell, Chapters in the History of terrestrial Magnetism. Terrestrial

Magnetism and Atmospheric Electricity. S. 125. Baltimore, June 1932.

6 H. Wehner, Die Kenntnis der magnetischen Nordweisung im Mittelalter. Weltall. S. 319. 1905. Vgl. Hennig, 1. c., S. 35, und v. Lippmann, S. 14. Wehner sprach die bis heute weder widerlegte noch bestätigte Ansicht aus, daß mindestens bis ins 7. Jahrhundert hinauf die magnetische Grundlage für die Ausrichtung von Kirchen nachweisbar sei.