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1940: Siebentes Heft : Die Entwicklung des Markscheidewesens im Lande Österreich / von Franz Kirnbauer
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Die instrumentellen Grundlagen.

bussole kennengelernt zu haben. Denn, ohne hierfür schriftliche Belege zu besitzen, sieht man es als sicher an, daß zur Zeit Heinrichs des Löwen um 1168 im Harzer Bergbau die Benutzung der Wasserbussole bekannt war. In diesem Jahre be­lagerte Heinrich der Löwe den Ritter Widukind von Schwalenberg auf der Dasenburg, Kreis Warburg in Westfalen. Da Heinrich ihn nicht bezwingen konnte, ließ er Bergleute vom Rammeisberg kommen, die einen Stollen zum Brunnen der Burg gruben und diesen verstopften, so daß sich die Besatzung 1169 ergeben mußte. 1 Diese Leistung ist ohne die Benutzung der Richtkraft des Magneten nicht denkbar, da man zu jenen Zeiten Stollen nicht geradlinig, sondern den Gesteinsklüften folgend, vortrieb. Ferner wird aus dem Jahre 1197 berichtet, daß der deutsche Kaiser Heinrich VI. ein Heer unter dem Welfen Heinrich dem Langen auf dem Land­weg über Konstantinopel gegen die Sarazenen aussandte. Das Heer gelangte in die Gegend von Tyrus und belagerte dort die Burg Chorutum oder Thorut. Da wurde auch unter diese Burg von Goslarer Bergleuten ein Stollen getrieben, der die Über­gabe dieser Burg herbeiführte. In diesem Falle wird man den Gebrauch der Wasser­bussole beim Stollenbau um so wahrscheinlicher ansehen, 2 als für die gleiche Zeit, um 1200, die Verwendung der Wasserbussole durch deutsche Bergleute im alten mittelitalienischen Kupferbergbau von Massa Marittima 3 als sicher bezeugt ist. 4

Wer nun die magnetisch gemachte Nadel, statt sie auf dem Wasser schwimmen zu lassen, zum erstenmal auf eine Nadelspitze legte und so aus der Wasser bussole den Kompaß schuf, ist nicht bekannt. Es wird diese Erfindung einem in Italien lebenden Franzosen namens Peter de Maricourt, oder, wie er sich auch nannte, Petrus Peregrinus, für das Jahr 1269 zugeschrieben. In diesem Jahr nämlich beschreibt er ausführlich die Herstellung eines Kompasses in runder Kompaß­büchse und sagt, besser als die auf dem Wasser schwimmend gemachte Nadel sei ihr Einschluß in eine runde Dose. Diesen Einschluß beschreibt Peregrinus aus­führlich mit allen Einzelheiten, so daß man sieht, er will etwas ganz Neues geben. Die Nadel schwebt aber bei ihm noch nicht auf einem Stift oder einer Spitze, sondern ist an einer in der Büchse befindlichen lotrechten Achse drehbar angebracht. 5 Für das Jahr 1302 ist aber bereits die Anfertigung einer größeren Anzahl von Kompassen mit freischwingender, in einer Büchse eingeschlossenen Nadel bezeugt. 6 Das

1 P. Wilski, Markscheidekunde II., S. 104, mit Nachweisen hierfür.

2 P. Wilski, Markscheidekunde II., S. 104.

3 Die Markgräfin Mathilde von Toskana hat schon 1115 deutsche Bergleute ins italieni­sche Erzliügelland nach Massa Marittima gerufen, um mit deren Hilfe den schon von den Römern betriebenen Kupfererzbergbau wieder aufzunehmen (B. Knociieniiauer, Wan­derungen deutscher Bergleute, 1. c., S. B 264). Ich hatte im Frühjahr 1936 mehrere Tage lang beruflich in nächster Nähe der Ortschaft Massa Marittima, im Kaolinbergbau Torniella, zu tun. Es berührte mich ganz eigenartig, zu wissen, daß dort, mitten in Italien, vor 700 Jahren, um 1250, deutsches Bergrecht gegolten hatte. Die Spuren dieses einstigen deutschen Bergbaus sind noch heute blutmäßig in der Bevölkerung fest­stellbar, indem sich hier im Gebiete zwischen Siena und Grosseto braun- oder rothaarige Leute mit blauen Augen zahlreich finden, die sich von den übrigen schwarzhaarigen Bewohnern Mittelitaliens deutlich abheben.

4 A. Schück, Die Vorgänger des Kompasses. Centralzeitg. f. Optik u. Mechanik 1911.

5 P. Wilski, Markscheidekunde II., 1. c., S. 105.

6 C. Krause, Geschichte, 1. c., S. 15.