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Die instrumentellen Grundlagen.
/) Agricolas „Alpenteilung “.
Agricolas berühmter „Alpenkompaß“ aus dem Jahre 1556 (Bild 27) trägt eine uns heute vollkommen unverständliche Teilung. Der Kreisumfang ist in 264 gleiche Teile geteilt oder 11 Teile „Alpenteilung“ sind 15° oder 1 Stunde groß. Je 11 Teile „Alpenteilung“ sind zusammengefaßt und, entsprechend dem Halbkreis, von 46, 57, 68, 79 usw. bis 178 rechtsinnisch beziffert. Zweck und Gebrauch dieser merkwürdigen Teilung sind uns heute vollkommen unverständlich.
g) Agricolas ,, Näherungsgrade “.
Im Zusammenhang mit den „Wachsscheiben“ erwähnte ich bereits einen von Agricola 1556 abgebildeten „Anhaltegradbogen“ mit Wachsring 1 (Bild 12). Dieser Anhaltegradbogen ist ob seiner Winkelteilung bemerkenswert, da sein Halbkreis in 168 gleiche Teile geteilt, demnach der Kreis in 336 Teile unterteilt ist. Da der Unterschied auf 360 Teile (Grade) nicht allzu groß ist, zweifellos auch eine den Graden annähernd entsprechende Teilung des Gradbogens beabsichtigt war, so nannte ich diese Art der Teilung des Kreisumfanges in 336 Teile sinngemäß ,, N äher ungsgr ade ‘ ‘.
h) Grade.
Die Teilung des Kreisumfanges in 360 gleiche Teile, Grade genannt, tritt uns im deutschen Markscheidewesen erstmalig 1574, im deutschösterreichischen Markscheidewesen erstmalig 1595 entgegen, obwohl sie die älteste Winkelteilung überhaupt ist.
Die 360°-Teilung stammt aus der babylonischen Astronomie. 2 Im Jahre 133 v. Chr. kehrte der griechische Astronom Hipp arch von einer Reise aus Babylonien zurück und brachte die 360°-Teilung mit, die die griechischen Gelehrten, die sich bis dahin mit der schwerfälligen Sehnenrechnung beholfen hatten, sogleich annahmen. Heron von Alexandria hatte damals die erste Hälfte seines Werkes über Vermessungskunde niedergeschrieben und sich dabei noch der schwerfälligen Sehnenrechnung bedient. Die zweite Hälfte seines Buches verwendet bereits die 360“-Teilung. Bei den regen Beziehungen, die seit vielen Jahrhunderten zwischen der gelehrten griechischen Geisteskultur und der des nahen Orients bestanden, wäre eine so späte Übermittlung der 360“-Teilung der Babylonier an die Griechen ganz unerklärlich, wenn man nicht vermuten dürfte, daß eben die Babylonier selber erst kurz vor der Zeit Hipparchs die 360“-Teilung angenommen oder erfunden hätten.
Im mittelalterigen deutschen Bergbau war mit dem Aufkommen des Kompasses, wie früher dargelegt, die vom Zeitmaß übernommene Stundenteilung in Gebrauch gekommen, doch überliefert uns bereits E. Reinhold im Jahre 1574 in Wort und Bild 3 einen von ihm erfundenen Visierkompaß, der eine 360°-Teilung besitzt. Daß Kompasse mit Gradteilung neben solchen mit den verschiedensten Stundenteilungen
1 G. Agricola, 1. c., S. 106. 1928. — F. Kirnbauer, Die Wachsscheibenmetliode — eirie Frühform bergmännischer Winkelmessung. Berg- u. Hüttenmänn. Jahrb., Leoben- Wien, Abb. 4. 1936.
2 P. Wilski, Markscheidekunde, II. Bd., S. 223.
3 C. Krause, Geschichte, 1. c., S. 24.