140
Die kulturelle Stellung des Markscheiders.
zu je 12 Linien eingeteilt wurde (1° = 6' = 72" — 864'"j. 1 Das Rechnen mit Dezimalen oder Skrupeln, wie man dieselben damals nannte, war aber den nur im Duodezimalsystem geübten Rechnern nicht sehr geläufig, weshalb Nicolaus Voigtel in seiner „Geometria subterranea“ 1686 einen eigenen Unterricht im Rechnen mit Dezimalen erst erteilt. 2 o , „
Die Zahl 5,439 z. B. wurde damals so angeschrieben: 54 3 9
5 waren die Einer, 4 hieß die erste Skrupel oder scrupula prima, 3 die zweite Skrupel oder scrupula secunda, 9 die # dritte Skrupel oder scrupula tertia. Voigtel zeigt und erklärt umständlich das Zuzählen, Wegzählen, Vervielfachen und Teilen mit Dezimalen, bringt dann weiter das Quadrieren und Quadratwurzelziehen mit und aus Dezimalzahlen, doch ist die Art und Weise dieser beiden letzten Rechnungsarten durch uns Menschen von heute nicht zu ergründen. Voigtel erhält wohl das richtige Ergebnis, der Rechnungsvorgang kann aber nicht rekonstruiert werden. Dies wurde nur erwähnt, um zu zeigen, daß derjenige, der mit Dezimalen und Winkelfunktionen in den vergangenen Jahrhunderten umzugehen verstand — und die Markscheider mußten dies können, gebrauchten sie doch Logarithmen und auf Dezimalen abzulesende oder umgewandelte Längenmaße —, in hohem Ansehen stand. Denn damals verursachte das Rechnen mit Skrupeln dem Rechner noch Sorgen und Beschwerden. 3 Die Schwierigkeit des Rechnens mit Dezimalen mag mit eine Erleichterung zur Geheimhaltung des Wissens von der Markscheidekunst gewesen sein, von der schon Agricola 1556 berichtet 4 und die für die österreichischen Alpenländer, vor allem für das Salzkammergut, bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts bezeugt ist. Vielleicht war auch die Anwendung eines eigenen, beliebig langen Lachters oder Bergstabls ein Behelf zur Geheimhaltung markscheiderischen Wissens, und aus ihm entwickelten sich die zahlreichen, von Revier zu Revier verschieden langen Lachter und Bergstabl- maße.
Nähere Unterlagen zur Beurteilung der Stellung der österreichischen Markscheider im Betrieb und über deren wirtschaftliche Lage und kulturellen Leistungen müßten erst geschaffen werden, ehe eine abschließende Zusammenstellung hierüber gegeben werden kann. Jedenfalls konnte gezeigt werden, daß die Anschauung, jeder Bergmann sei auch Markscheider gewesen, nicht richtig ist, daß vielmehr seit dem 15. Jahrhundert auch in Österreich der Markscheiderberuf als ein Sonderberuf nach-
1 Nicolaus Voigtel widmet einen ganzen Absatz seiner Markscheidekunst (1686, S. 14) der „Verwandlung des alten Markscheider-Maßes in das Zehnteilige“. Voigtel schreibt: „Weil aber im Rechnen solch Maaß zehentheilig bessern Vortheil und Behändigkeit giebet, so ist auch die gantze Rechnung in diesen gegen wärtigen Wercklein durch und durch in die Dizimal-Rechnung transformieret.“
2 Nicolaus Voigtel, G-eometria subterranea. S. 1 bis 14, Eisleben 1686.
3 Skrupel bedeutet, seit 1537 nachweisbar (Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 1934), „kleinstes Gewicht“, und dann seit 1580 im übertragenen Sinn „Bedenken oder Gewissensbisse“. — Im weiteren übertragenen Sinn, scrupula = Dezimalstelle, erklärt sich auch die Redensart „sich Skrupeln machen“ oder „sich keine Skrupeln über etwas machen“. Derjenige, der mit Skrupeln damals rechnen mußte, hatte Sorgen, ihm verursachten die Dezimalen „Skrupeln“.
4 G. Agricola, I. Buch. — Agricola sagt wörtlich: „alius disciplinam terrae me- tiendae occultat = ein anderer verbirgt die Kunst des Markscheidens.“ — Auch P. Wilski, Markscheidekunde I., S. 16.