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Ludwig Erhard.
Eindruck machte, wie er überhaupt dem phantasievollen und doch so streng logisch konstruktiven Geist der Gotik nahe stand. An der Technik besuchte er die kunstgeschichtlichen Vorlesungen Rebers, des Vitruvforschers, für den die Baukunst alle Gebiete des technischen Schaffens, auch den Maschinenbau, umfaßte und an der Universität hörte er Dehio, den kenntnisreichen Deuter der deutschen Baukunst des Mittelalters, den anregenden Muther und den geistreichen Kulturhistoriker Berthold Riehl. Seine Liebe zur Kunst, ein Wesenszug, den wir bei vielen großen Technikern, vor allem Maschinenbauern, beobachten können, führte ihn
oft zu den Kunststätten Deutschlands und Italiens, die ihm immer wieder ein Quell innerer Freude waren.
Schon im Kindesalter äußerte sich seine Natur Verbundenheit in Ausflügen in den bayrischen Wald und später, als er die Ferienzeit bei Verwandten in Freilassing verbrachte, fühlte er sich von den Alpen so angezogen, daß er, wie sein Großvater Dr. Alexander Erhard, jede freie Zeit mit Fußwanderungen in den Alpen, vor allem in Tirol, verbrachte und das ganze Gebiet systematisch genau kennen zu lernen versuchte. Er hatte das Programm für seine Wanderungen nicht dem Zufall überlassen, sondern das Tiroler Gebiet in ein Netz eingeteilt und für jede Reise eine bestimmte Felderzahl zur genauen Durchforschung nach den verschiedensten Gesichtspunkten vorgenommen. So finden wir selbst in der Liebe zur Natur den logischen Grundzug seiner Persönlichkeit ausgeprägt. Seine Naturverbundenheit bewahrte ihn die Frische und Ursprünglichkeit des Geistes bis in das hohe Alter. Eine späte Frucht dieser Durchforschung des Alpengebietes sind seine Bemühungen um die alpenländischen Kleinindustrien und schließlich geht seine letzte Arbeit über Volkstechnik auf die Beobachtungen zurück, die er in der Frühzeit seiner Entwicklung bei seinen systematischen Streifzügen machen konnte.
Nach der Beendigung der Studien an der Technischen Hochschule in München w:ollte er praktische Kenntnisse in einem großen Maschinenbauunternehmen erwerben und als Volontär bei I. A. Maffei in Hirschau bei München eintreten. Als ihm dort bedeutet wurde, Volontäre würden nicht auf genommen, da sie nur die Arbeit aufhalten, trat er als bezahlter Lehrling ein und hielt sich genau an die zehnstündige Arbeitszeit. Um möglichst viel zu lernen, verwendete er seinen Wochenlohn für Freibier für seinen Werkmeister, der sich dafür auch seiner Ausbildung gr ün dlich annahm. Die Tätigkeit im Betrieb war für ihn doch zu anstrengend und er nahm 1887 eine Stelle als Ingenieur beim Polytechnischen Verein in Würzburg an, wo er zum erstenmal als Schriftleiter einer technischen Zeitschrift tätig war.
Die Stellungnahme des 25jährigen Ingenieurs zu den geistigen Fragen der Technik und seine organisatorischen Fähigkeiten waren bestimmend für seinen
Bild 2. Ludwig Erhard als Student.