Aufsatz 
Ludwig Erhard / von Karl Holey
Entstehung
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Ludwig Erhard.

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weiteren Weg. Er schlug ein günstiges Angebot einer großen Maschinenfabrik, die ihn als Konstrukteur einstellen wollte, aus und nahm das Anerbieten des Bayrischen Gewerbemuseums in Nürnberg an, wo er von 1888 bis 1898 als Oberingenieur und Abteilungsvorstand wirkte. Es ist ein bezeichnender Umstand, daß die gleiche Stelle, die er als Leiter der technischen Abteilung des Bayrischen Gewerbemuseums in Nürnberg, diesem zeitgemäßen Gegenstück zu dem Germanischen Museum einer Schöpfung des Grazer Baukünstlers und Architekturhistorikers Essenwein einnahm, geraume Zeit vorher einem Mann angeboten worden war, der für sein späteres Leben eine große Bedeutung gewinnen sollte: Wilhelm Exner in Wien. 1 Sein Aufgabenkreis war weitgespannt, er hatte die Maschinenhalle des Bayrischen Gewerbemuseums neu aufzustellen, Ausstellungen einzurichten, gewerbliche Muster­betriebe zu schaffen und auf allen Gebieten der Gewerbeförderung, auch in der Heranbildung und Befürsorgung von Lehrlingen mitzuarbeiten. Er war Preisrichter bei der elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main, bayrischer Kommissär für die Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893, Oberingenieur der bayrischen Landesausstellung in Nürnberg 1896 und Kommissär und Preisrichter bei der Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung in München 1898.

Im Jahre 1897 erschien von ihm in der Festnummer der Bayrischen Gewerbe­zeitung ein Aufsatz über den Dieselmotor. Erhard hatte in einer großen Anzahl von Städten im Aufträge seiner Anstalt einen Werbevortrag über den damals neuen Dieselmotor gehalten und seine Meinung, daß der Motor vorläufig nur für die Großindustrie und nicht für das Kleingewerbe berechnet sei, wurde von R. Diesel als schädigend empfunden. 2 In dem Aufsatz bespricht Erhard an der Hand von Konstruktionszeichnungen und Diagrammen die Verbesserungen des neuen Dieselmotors, seine größere Wirtschaftlichkeit und Anpassungsfähigkeit und spricht die Vermutung aus,daß dieses streng wissenschaftliche und mit deutscher Gründlichkeit vorbereitete Motorensystem auch im wirtschaftlichen Leben eine große, für Bayern ehrenvolle Bedeutung gewinnen wird.

In Chicago lernte er eine Deutschamerikanerin, Ziska Lenk, kennen, die er noch während seines dortigen Aufenthaltes heiratete. Seine Ehe blieb kinderlos.

Studienreisen nach Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Nordamerika, in die Schweiz und Besuche der technischen Museen in Paris im Conservatoire des Arts et Metiers, im South Kensington-Museum in London und in Washington verschafften ihm eine gründliche Kenntnis der einschlägigen Einrichtungen anderer Länder und weiteten seinen Blick.

Die Erfolge Erhards auf dem Gebiete der Gewerbeförderung machten Wilhelm Exner, den Präsidenten des Technologischen Gewerbemuseums in Wien, auf ihn aufmerksam und als dieser daranging, in Wien eine ähnliche Einrichtung ins Leben zu rufen, gewann er ihn zum Eintritt in den Dienst zunächst als vertragsmäßig angestellten technischen Direktionsbeamten am Technologischen Gewerbemuseum. Seine Anstellung erfolgte am 1. Mai 1898, schon am 3. Dezember 1899 wurde er zum Baurat ernannt und seit 1901 war er der Stellvertreter des Präsidenten in

1 W. Exner, Erlebnisse, S. 112. Wien 1929.

2 Brief von R. Diesel vom 17. Dezember 1897 an die Maschinenfabrik Augsburg.