Zur Begriffsbestimmung der Volksteclmik.
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empor, er verglomm dann im Schutt des Dreißigjährigen Krieges und flammte erst im 19. Jahrhundert wieder auf; heute aber setzen die gewaltigen Fortschritte der nationalen deutschen Kriegs- und Friedenstechnik alle Welt in Erstaunen. Vielfach liegen die Keime zu solchen Errungenschaften in der urtümlichen Volkstechnik verborgen und diese verdient es daher, durch die Technikgeschichte ins rechte Licht gesetzt zu werden gemäß dem alten Mahnwort :
,,Den Vorfahren zur Ehre, der Jugend zur Lehre!“ 1
Beispiele der Keimkraft deutscher Volkstechnik.
Nitrierung des Eisens.
Die alte Volkstechnik hat vielfach über Erfahrungen verfügt, die im Lichte der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis erstaunlich sind und wertvolle technische Neuerungen anzuregen vermögen. So berichtet z. B. der Direktor des Instituts für Kohle- und Eisenforschung in Düsseldorf, Dr.-Ing. K. Daeves, über jenes eigenartige Verfahren, das schon der sagenhafte Ahnherr der deutschen Technikerschaft, Wieland der Schmied, bei der Herstellung seiner Schwerter angewendet hat. Im Amelungenlied heißt es darüber:
IDtdanb tit ber Schmiebe nahm eine ddle gleich;
Das fchönc Schmert 3erfeilt er bamit 311 eitel Staub.
Da lagen nun bie Späne: bie jdjug bei* meije Schmieb licit Hiehl unb Huld; 3ufammen: ber tEeig ihm mobl geriet.
Da nahm er IHaftnögel, bie jehon ben britten (Eag Nuf Koft umfonft gelauert im engen (Sitterhag,
Unb marf bie fchmere Speije ben Ejuitgerleibern uor.
Ulan fah in finden Stunben ben galten (Erog geleert Unb einen anbereit rücfmärts am Uiorgeu ftarf bejehmert.
Des leiteten 3 nhalt brachte ber ZHeifter in bie cSlut;
Das €r3 h er <ms3ujchmel3en, jd]ürt er bas 5cuer gut.
3 d>öpfte aus bem Kejfel, mas ba r»on Unrat mar,
(Bemann ein cEifen enblich r>on Schladen lauter unb flar.
2ils fich bas erfühlte, ba jd]uf ber Degen mert Der bem fiebenten (Eage ein meifterlicbes Schmert.
Warum verwendete Wieland gerade Geflügelmist? Nun, Kot enthält außer Kohlenstoff auch Stickstoff (Nitrogen). Erst seit Anfang des Jahrhunderts weiß man, daß die Stickstoffanwendung eine beträchtliche zusätzliche Härtesteigerung des Eisens bewirkt, so daß „nitrierte“ Stähle die höchste bei Eisen festgestellte Härte auf weisen.
Laboratoriumsversuche ergaben, daß bei dem Wielandschen Verfahren eine beträchtliche Stickstoffaufnahme stattfindet und daß die Eisenspäne nach der Härtung einen weichen Kern mit einer äußerst harten Schale besitzen. Diese
1 Vgl. Bronner, „Von deutscher Sitt und Art“. S. 232. München 1908.