Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik.
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Aus dem vom Thyrsenblut getränkten Gestein wurde dann das heilsame „Dirschenöl“ gebrannt, das 1350 zum erstenmal urkundlich erwähnt wird. Dem Forschungsinstitut für Technikgeschichte in Wien gelang es, ein unter der Tünche am sogenannten „Riesenhaus“ in Leithen bei Seefeld verschollenes Wandgemälde aus dem Jahre 1537 bloßzulegen, das den Zweikampf zwischen Haymon und Thvrsus darstellt und wegen seiner technikgeschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt wurde (Bild 1).
In neuerer Zeit hat die Berg- und Hüttenkunde den dieser Sage zugrunde liegenden Sachverhalt dahin aufgeklärt, daß bei der Bildung der nördlichen Kalkalpen bituminöse Schichten, die mit Fischabdrücken durchsetzt sind, bis zu einer Höhe
Bild 2. Häuer, der einen Bergmanns- Bild 3. Neuzeitiger Transmissionsfeder'
schlegel mit gebogenem Stiel schwingt. hammer mit Kurbelantrieb.
von 2000 m emporgehoben wurden. Aus diesen Mergelschichten gewinnt man gegenwärtig den sogenannten „Stinkstein“ mittels Stollenbau, verhüttet ihn durch ein kombiniertes Seiger-, Destillier- und Schwelverfahren und erzeugt aus dem ausfließenden Öl in der erneuerten Maximilianshütte bei Seefeld das bekannte Heilmittel „Ichthyol“, das durch den Dermatologen P. G. Unna in den Arzneimittelschatz eingeführt wurde.
Bei dieser fabrikmäßigen Ichthyolgewinnung, wie bei der vorher geschilderten Eisennitrierung läßt sich die Abstammung der modernen wissenschaftlichen Verfahren von der alten Volkstechnik ohne weiteres geschichtlich nachweisen. In anderen Fällen können solche Zusammenhänge nur technologisch aufgehellt werden, wie z. B. die Abstammung der „Federhämmer“ von alten Hämmern mit federndem Stiel.
Bergmannsschlegel — Federhammer.
An der Kirche zu Hof Gastein befindet sich das Grabmal des Gewerken Christof Weitmoser (1506—1558), welches aus der Blütezeit des Goldbergbaus in den Hohen