Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik.
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mochte. Da aber dieser Handapparat ohne Kurbel- oder Radantrieb arbeitete, so konnte dessen minütliche Stichzahl die Geschwindigkeit der gewöhnlichen Handarbeit nicht wesentlich übertreffen. Maderspergers Nähapparat, der heute als würdiger Zeuge solcher volkstechnischen Bestrebungen im Technischen Museum zu Wien steht, weist eine weittragende Einzelheit auf, die ihm den Rang eines wichtigen Vorläufers der Nähmaschine sichert. Madersperger verwandte nämlich zur Bildung der Nähte zwei senkrecht bewegliche Nadeln und verlegte bei jeder
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Bild 8. Nähapparat von J. Maders- Bild 9. Neuzeitige Zentralschiffchen-Nähmaschine,
perger aus dem Jahre 1830.
das Öhr in die Nadelspitze. Dadurch schuf er einen Grundbestandteil aller neuzeitigen Nähmaschinen: die öhrspitzige Maschinennadel.
Um die Nähmaschine zum Welterfolg zu führen, mußte man zunächst die Nachahmung des Nähens mit der Hand verlassen und einen der mechanischen Weberei ähnlichen Vorgang zur Erzeugung eines Doppelsteppstiches ausbilden. Die Einführung des Schiffchens und des Antriebes durch ein Kurbelrad kennzeichnen den ersten großen Fortschritt auf diesem Gebiet, der den Amerikanern E. Howe und J. M. Singer zu einem ungeheuren Erfolg verhalf, wogegen Madersperger im Armenhaus starb.
Das Bild 9 gewährt einen Einblick in den Aufbau einer neuzeitigen Zentralschiffchennähmaschine, die je nach der Antriebsart bis zu 1400 Stichen in der Minute ausführt. Heute werden außer den Haushaltmaschinen auch Sondermaschinen zum Nähen von Schuhen, Handschuhen, Knopflöchern, Lederkoffern, Treibriemen, Wagendecken, Zelten, Luftbällen und zum Heften der Bücher gebaut. Mögen auch die einzelnen Glieder dieser Maschinensippe noch so verschieden gestaltet sein, ein und dieselbe volkstechnische Gabe benutzen sie alle gemeinsam: die Nadel Maderspergers.
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