Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik.
37
sich späterhin die Aktionsturbine, wie z. B. die GntABD-Turbine (Bild 11) entwickelt. Bei dieser Aktionsturbine treffen die aus dem Leitrad A austretenden Wasserstrahlen die gekrümmten Schaufeln des sich nach unten erweiternden Laufrades ( B ), wodurch es samt einer lotrechten Welle ( C) in Drehung versetzt wird.
Die Stauberräder, wie auch die Löffelräder, kamen wegen ihres geringen Wirkungsgrades von nur 30 bis 40 v. H. bei den Ingenieuren längst in Verruf. Sie sind aber nicht bloß die volkstechnischen Ahnen moderner Wasserturbinen, sondern sie gelten darüber hinaus auch als Vorboten des Schnellaufes der Maschine, den auch Männer der Ostmark, wie Radingeb, Riedleb und Kaplan, durch Wort und Tat gefördert haben. 1 Das Ersinnen und Ausführen von leistungsfähigen, rasch laufenden Motoren, sowie von schnellen Verkehrs- und Kampfmaschinen aller Art bilden heute das Ziel und den Stolz des deutschen Maschinenbaus.
Altes Bauernhaus—Neuzeitiges Landhaus.
Das von der wissenschaftlichen Forschung am gründlichsten erschlossene Gebiet der Volkstechnik umfaßt das deutsche Bauernhaus samt den zugehörigen Wirtschaftsgebäuden. Die Ergebnisse dieser Eorscherarbeit sind, soweit sie den deutschen Donauraum betreffen, in einer vom ehemaligen Ingenieur- und Architektenverein in Wien herausgegebenen Veröffentlichung über ,,Das Bauernhaus in Österreich - Ungarn“ niedergelegt. Volksforscher und Techniker haben hier in enger Gemeinschaftsarbeit ein maßgebendes Werk geschaffen, das durch treffliche Fachzeichnungen Einblick in die Anordnung, den Bau und die Einrichtung des oberdeutschen Bauernhauses und seiner Spielarten gibt. 2
Eine diesem Werke beigefügte Landkarte der Hausformen bietet einen Beleg dafür, daß das alte Ostarichi ein Kolonialland war, welches zur Zeit Karls des Großen und nach dem Lechfeld-Siege Ottos I. über die Avaren 955 durch Bayern, Franken und Alemanen besiedelt wurde. Hierbei gelangte das oberdeutsche Bauernhaus in das Gebiet der heutigen deutschen Ostmark. Bei der Besiedlung der Ostmark zogen die aus der Hochebene stammenden Bayern und die aus milderen Gegenden eingewanderten Franken die für den Getreide- oder Weinbau geeigneten Gelände vor; die Bergbauern unter den Bayern und Alemanen siedelten sich dagegen mit Vorhebe in den Alpenländern an, um dort die ihnen vertraute Waldwirtschaft und Viehzucht zu treiben. Der Volksmund nennt heute noch die einen „Körndlbauern“, die anderen „Hörndlbauern“.
Beim ostmärkischen Bauernhof in den ebenen Landstrichen südlich und nördlich der Donau hat im Laufe der Zeit die Steinbauweise den ursprünglichen Holzbau verdrängt; das alpine Bauernhaus ist dagegen zumeist noch ein auf eine Grundmauer aufgesetzter Block werksbau mit waagrechten Hölzern, sorgfältigen
1 Johann Radinger (* 1842 Wien, t 1901 Wien), „Dampfmaschinen mit hoher Kolbengeschwindigkeit“, Wien 1892. — Alois Riedlek (* 1850 Graz, t 1936 Semmering), Schnellbetrieb, Erhöhung der Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit der Maschinenbetriebe, Berlin 1899. — Viktor Kaplan (* 1876 Mürzzuschlag, f 1934 Unter- ach), „Theorie und Bau von Turbinenschnelläufern“, München 1931.
2 Das Bauernhaus in Österreich-Ungarn, 228 S., 75 Foliotafeln. Verlag G. Küht- mann, Dresden 1906.