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Zur Begriffsbestimmung der Volkstechnik.
Eck Verbindungen und steinbeschwertem Schindeldach. Dieses typische Holzhaus ist älter als das gemauerte Haus. Selbst bei unseren steinernen Stadthäusern gemahnt noch das Wort „Zimmer“ daran, daß die Urgestalt des Hauses überhaupt ein „gezimmerter“ Holzbau war. Das althochdeutsche Wort „zimbar“ bedeutet soviel wie „Bauholz, Holzbau, Wohnung und Wohnraum“; dem altsächsischen Worte „timbar“ sind das altindische „dama“, das lateinische „Domus“ und das altslawische „domu“ für „Haus“ und „Holzbau“ urverwandt. Diese sprachlichen Zusammenhänge lassen mit Sicherheit auf das überaus hohe Alter der Holzkultur schließen. 1
Bei der in der Frühzeit üblichen Naturalwirtschaft fehlte es dem Bauern an Geld und er mußte beim Bau eines solchen Blockhauses selbst Hand anlegen. Dabei pflegten ihm seine in der Holzarbeit geübten Nachbarn zu helfen, wofür sie statt einer Lohnzahlung Lebensmittel erhielten. Die Siebenbürger Sachsen haben diese Beihilfe in den „Nachbarschaftsartikeln“ einer uralten Dorf Verfassung festgesetzt und in der Ostmark wird manchenorts heute noch Abgebrannten von den Nachbarn durch unentgeltliche Lieferung und Zufuhr von Baumaterial geholfen.
Die zum Bau des alpinen Bauernhauses nötigen Werkstoffe w r erden seit jeher dem Siedlungsgelände unmittelbar entnommen und die Bauart des Hauses wird seiner Umwelt und dem Bedürfnis der Bauernwirtschaft entsprechend gewählt. Deshalb wirken auch alle diese schlichten Bauten so naturverbunden als wären sie aus dem Boden gewachsen. Auch die Einrichtungsgegenstände und die Arbeitsgeräte wurden zumeist in den stillen Wintermonaten im Bauernhaus selbst aus Holz angefertigt. Trotz den Vorzügen dieser Jahrhunderte hindurch bewährten bäuerlichen Volkstechnik verschwindet aber das echte alte Bauernhaus sogar in den Gebirgstälern immer mehr und mehr. Der Zug vom Land in die Stadt und der geringe Ertrag der Wirtschaft haben dem Bauern vielfach die Freude an der Scholle getrübt, das sogenannte Bauernlegen, das P. Rosegger in seinem „Jakob der Letzte“ so ergreifend schildert, schwächte namentlich in Jagdgebieten das Bauerntum. Die berechtigten Forderungen der Baupolizei und der Feuerversicherungen bedrohen die übliche Holzbauweise und überdies leisten auch die Baugewerbeschulen den städtischen Anschauungen auf dem Lande Vorschub. Aus diesen Gründen ist es vom Standpunkt der Volkstechnik besonders zu begrüßen, daß durch das obengenannte Standardwerk „Das Bauernhaus“ von den bodenwüchsigen Schöpfungen der volkstümlichen Bauweise wenigstens dasjenige in Wort und Bild erhalten wird, was in der Ostmark heute an kennzeichnenden Typen noch übrig ist, um für das Neuerstehende gute Vorbilder zu schaffen, zumal da der Bauernhof durch das deutsche Erbhofgesetz wieder zu Ansehen und Würde gelangt ist.
Aber nicht bloß für den neuen Bauernhof selbst, auch für die in der gleichen Gegend etwa zu errichtenden Neubauten enthalten diese Vorlagen die Keime zu neuer, zweckmäßiger und schöner Gestaltung. Manchmal findet ein verständiger Bauherr selbst den Weg zurück zum schlichten bäuerlichen Vorbild, wie aus dem folgenden Beispiel zu ersehen ist. Bild 12 zeigt das „Hohe Haus“ von Hintertux, so genannt als das höchstgelegene Haus des Dorfes, in seiner alten urwüchsigen Holz-
Vgl. F. Kluge, Ethymologisches Wörterbuch, S. 712, Berlin u. Leipzig 1934.