Geschichtliches über die Linz—Budweiser Pferdebahn.
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neugegründeten Wiener Polytechnikum nicht allein der Wegbereiter für eine selbständige, deutsche Entwicklung des späteren Gebirgsbahnwesens, sondern zugleich auch der erste ausübende Eisenbahningenieur in deutschen Landen. Es blieb dem unentwegten Vorkämpfer für das neue Verkehrsmittel aber leider versagt, sein Lebenswerk zu vollenden, da die wachsende Überschreitung der vorgesehenen Baukosten ihn zum vorzeitigen Rücktritt veranlaßte. Sein ehemaliger Schüler am Wiener Polytechnikum, der später wegen seiner hervorragenden Verdienste um das heimische Eisenbahnwesen geadelte Matthias Schönerer (Bild 3), führte die Bahn nach Linz und in der Folge nach Gmunden fort, und zwar in einer einfacheren, der früheren geradezu entgegengesetzten Bauweise bloß für den Pferdebetrieb, die in einer wenngleich auch längeren, so doch auf hohe Dämme und tiefe Einschnitte verzichtenden Linienführung längs der Bergabhänge bei stärkerer Inanspruchnahme größerer Neigungen und schärferer Krümmungen beruhte und Gerstner nachträglich zu der bitteren Feststellung veranlaßte: „Es gibt wohl keine Bahn, weder in Europa noch in Amerika, wo die Grundsätze des Baus bei ihren zwei Hälften so sehr verschieden sind wie bei dieser“. 1
Den Anstoß zu Gerstners unvergeßlichem Wirken gab — wie so oft in der Geschichte — das glückliche Zusammentreffen günstiger äußerer Umstände. So lag einerseits ein schon Jahrhunderte altes Bestreben vor, die wegen der Überwindung des hohen Scheidegebirges schwierige Salzversorgung Böhmens aus dem nahen Salzkammergut durch Errichtung eines durchgehenden Schiffahrtsweges von der Donau zur Moldau und Elbe zu erleichtern, anderseits stand in der Person seines Vaters, des Professors am Prager Polytechnikum und Landes-Wasserbaudirektors Franz Josef Ritter von Gerstner (Bild 1) zur rechten Zeit der richtige Mann auf, der die Herstellung der von ihm aus wohlerwogenen wirtschaftlichen Gründen abgelehnten Wasser Verbindung noch in letzter Stunde zu verhindern wußte. In der entscheidenden Hauptversammlung der „Böhmisch-hydrotechnischen Privatgesellschaft“ vom 31. März 1808 empfahl der umsichtige Gelehrte an Stelle eines Kanales die Anlage einer wohlfeileren und viel leistungsfähigeren Pferdeeisenbahn, die sich damals als Vorläuferin des erst später aufgekommenen Dampfeisenbahn- wesens in einzelnen Gebieten des englischen Flachlandes mit starkem Ortsverkehr soeben auszubreiten begonnen hatte. In Verfolg des von ihm mit bewundernswertem Weitblick gefaßten Gedankens legte Franz Josef Gerstner sein Eisenbahnprojekt nachher auch in allen Einzelheiten fest und ebnete mit dieser schöpferischen Vorarbeit dem Sohn den Weg zur Inangriffnahme des großen Werkes.
Doch hatte schon vor Beendigung dieser Vorarbeit die Staatsverwaltung eine Anregung der in Dresden zur Regelung des Flußverkehres zusammengetretenen
1 Zum Zeichen des unvergänglichen Wirkens Gerstners hatte der Herr Reichsverkehrsminister aus Anlaß des hundertjährigen Gedenktages die Veranstaltung einer Erinnerungsschau über die aus den hauptsächlichsten Schaffensgebieten Gerstners stammenden Gedenkstücke in dessen Geburtsort Prag und nachher auch in Berlin, Linz und Wien, sowie eine eingehende Darstellung der Bau-und Betriebsgeschichte der denkwürdigen Pferdeeisenbahn unter erstmaliger Zugrundelegung des in Wiener, Prager und Linzer Archiven vorhandenen einschlägigen Quellenstoffes in der vom Reichsverkehrsministerium herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Verkehrsgeschichte“, Band II, 1/2, angeordnet.