Aufsatz 
Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens / von Oswald Dirmoser
Entstehung
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Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.

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mit dem Namen Alfred Krupp unzertrennlich verbunden bleibt. Erst dieser Periode waren die großen Fortschritte Vorbehalten, die das Geschützwesen in wenigen Jahrzehnten auf seine heutige Höhe führen sollten.

Fünf technische Errungenschaften w T aren es, welche dieser sprunghaften Ent­wicklung zum Durchbruch verhalten.

In erster Linie die Einführung des Tiegelgußstahles durch Alfred Krupp, wie überhaupt die. staunenerregende Entwicklung der Eisenindustrie, welche seit dem Jahre 1860 einsetzte, als die großen Fortschritte der Chemie Klärung und Begründung der metallurgischen Prozesse ge­bracht hatten und außerdem durch den sich immer mehr ausbreitenden Maschinenbau und namentlich durch die Einführung der Eisen­bahnen eine wahre Massenerzeugung der ver­schiedensten Eisensorten notwendig machte.

In zweiter Linie die Ausbildung des Materialprüfungswesens auf wissen­schaftlicher Grundlage zwecks Erforschung der physikalischen und Festigkeitseigenschaften der verschiedenen Werkstoffe, die für den Ver­braucher mit Rücksicht auf den jeweiligen Ver­wendungszweck erforderlich sind und die daher auch den Erzeuger vor immer neue Aufgaben stellen. Die anfangs der Siebzigerjahre in Deutschland zuerst von Wöhler in der Eisen­bahn- Reparatur^erkstätte in Frankfurt a. d. 0. durchgeführten Festigkeitsversuche brachen der Erkenntnis Bahn, daß namentlich das Geschütz - wesen einer auf besonderer Sach- und Fach­kenntnis beruhenden Materialprüfung nicht entraten könne. Wöhler hat somit indirekt sehr viel zur Entwicklung des Geschütz Wesens beigetragen.

Drittens die Ausbildung der theoretischen Grundlagen der Festigkeits­berechnung von Geschützrohren durch die LAMEschen und Winkler- schen Formeln, auf welchen Hofrat Professor Georg Kaiser (Bild 5) als Pfad­finder auf theoretischem Gebiete seine Theorie der beringten Zylinder auf gebaut hat.

Viertens kann nicht unerwähnt bleiben, daß sich die bauliche und werkstätten­technische Ausgestaltung der Geschütze und namentlich der Geschützrohre durch die jahrzehntelange Erfahrung und die immer größer werdende Präzision unserer heutigen Werkzeugmaschinen ganz bedeutend vervollkommnet hat und daß eigent­lich hierdurch erst die Übertragung der auf theoretischem Wege gefundenen Er­fordernisse in die Praxis des Geschützrohrbaus möglich wurde, der auf Präzisions­arbeit im wahrsten Sinne des Wortes angewiesen ist.

Als fünftes Moment schließlich müssen die großen Fortschritte auf dem Gebiete der Chemie angeführt werden, welche durch die Entdeckung der Schieß­baumwolle, des Nitroglyzerins u. dgl. eine wahre Umwälzung auf dem Gebiete der Schieß- und Sprengmittel hervorriefen und dadurch der Alleinherrschaft des

Bild 5. Professor Georg Kaiser (1842-1914).

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