Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.
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ln einer Notiz über das Pressen der Felder und Züge von Geschützrohren schreibt Uchatius wörtlich: „Die Züge werden so wie gewöhnlich eingeschnitten, da aber durch das Pressen des Rohres die Härte des Metalles in der Bohrungsfläche noch nicht genug gesteigert worden ist, so werden die Felder des gezogenen Rohres, welche um 0,25 mm zu hoch sind, für sich, und zwar 2 und 2 gegenüberstehend zugleich neuerdings gepreßt.“ 1
Dieser bedeutende Technologe hat seinerzeit durch die Erfindung der Hartbronze auf dem Gebiete des Geschützwesens eine technische Großtat vollbracht, welche in der Form der „Autofrettage“ auch heute noch fortlebt, wo die Hartbronze ihre Bedeutung als Rohrmaterial bereits verloren hat; und es kann daher auch jetzt noch die allgemeine Billigung finden, wenn Österreich bald darauf für sein Feldgeschütz M 75 die Hartbronze als Rohrmaterial angenommen hat. Bei den damals gebrauchten Gasdrücken und den geringen Verbrennungstemperaturen des Schwarz - pulvers war die Hartbronze ihrem Konkurrenten, dem Kohlenstoffstahl, gegenüber ein vollkommen gleichwertiger und mit Rücksicht auf ihre Unempfindlichkeit gegen atmosphärische Einflüsse vielleicht sogar überlegener Werkstoff. Es muß aber hier schon eingefügt werden: „Jeder Zeit ihr Rohrmaterial.“
Die konstruktive Ausbildung des unverwüstlichen und ungemein kriegsbrauchbaren Feldgeschützes M 75 lehnte sich im großen und ganzen an die KRUPPsehe Konstruktion an. Als Entschädigung hierfür und für die dabei angewandte Krupp- sche Verschlußart wurde von den Delegationen im Jahre 1875 die Zahlung von 160.000 Gulden an die Firma Krupp genehmigt.
Auch bei diesen Geschützen diente zunächst noch durch mehr als 10 Jahre das Schwarzpulver als Schießmittel. Erst die vorgeschrittene Technik der Handfeuerwaffen gab den Anstoß zur Verdrängung des Schwarzpulvers. Man hatte erkannt, daß eine Verminderung des Gewehrkalibers eine Reihe ballistischer und taktischer Vorteile gewähren würde, wenn es gelänge, die Einbuße an Geschoßgewicht durch größere Anfangsgeschwindigkeit wett zu machen. Aus dem Schwarzpulver hatte man Mitte der Achtzigerjahre herausgeholt, was herauszuholen war, so daß ein neues Schießmittel ins Auge gefaßt werden mußte. Seit dem Jahre 1869 hatte indes die entwickelte Zelluloidindustrie den Beweis erbracht, daß es möglich ist, durch Behandlung der Nitrozellulose mit Lösungsmitteln die hohe Verbrennungs- geschwindigkeit und Detonationsfähigkeit wesentlich herabzusetzen. Auf dieser Erfahrung fußend, fertigte Duttenhofer (Bild 15) in Rottweil 1884 ein völlig gelatiniertes Kornpulver aus nitrierter Zellulose für Militärgewehre an, dem dann im Jahre 1886 das erste aus Schießwolle gefertigte, gelatinierte Blättchenpulver von Vieille folgte, der als Erster die Gelatinierung der Nitrozellulose als Vorbedingung für eine genügende Regelbarkeit der Verbrennungsgeschwindigkeit erkannt hatte. Damit traten endgültig als Treibmittel an die Stelle des Schwarzpulvers organische Nitrate, die überdies den Vorzug hatten, ohne Rauch und ohne Rückstand zu verbrennen.
Aber auch als Sprengmittel waren die Tage des Schwarzpulvers gezählt. Im
1 Vgl. Bild 10 auf S. 60 der „Blätter für Geschichte der Technik“, 4. Heft, Wien 1938.