Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.
71
und füllt die Segmente, so daß nun ein innen und außen runder nahtloser Ring, ein nahtloses Rohr, entsteht.
Durch die schon nach wenigen Jahren des Bestandes der Rheinmetall erfolgte Angliederung eines Stahlwerkes an die sogenannte Patronenfabrik, das hochwertige Stahlsorten erzeugte, war die Firma in den Stand gesetzt, auch der Herstellung von Geschützrohren und fertigen Geschützen näher treten zu können. Als sich daher Haussner nach seinen Mißerfolgen bei Krupp an Ehrhardt wandte, fand er willige Aufnahme. Ehrhardt erklärte sich zu Versuchen bereit, da er die Folgerichtigkeit der HAUSSNERSchen Vorschläge erkannte und ging mit der ihm eigenen Tatkraft und Zähigkeit sofort an den Bau von Versuchsgeschützen heran. Er ruhte nicht früher, bis in Zusammenarbeit mit Konrad Haussner ein Rohrrücklaufgeschütz mit langem Rohrrücklauf — ein Schnellfeuergeschütz — ausgebildet war, das ohne Gewichtsvermehrung beim Schuß vollständig ruhig stand und auch bei einer größeren Schußzahl kaum aus seiner Richtung kam. Der lange Rohrrücklauf für fahrbare Geschütze hatte sich durchgesetzt und eine vollständige Umwälzung im Geschützwesen aller Länder herbeigeführt. Wenn Konrad Haussner als Erfinder des langen Rohrrücklaufes die Pfade für die neuen fahrbaren Rohrrücklaufgeschütze gewiesen hat, so muß Heinrich Ehrhardt das Verdienst zugebilligt werden, als Bahnbrecher dieses Systems zu gelten, das wieder einen Markstein in der Entwicklung des Geschützwesens darstellt. Haussner hat auch noch ein weiteres neues Element im Geschütz- bau eingeführt, die Mündungsbremsen, von welchen heute bei den Rücklaufgeschützen ausgedehnter Gebrauch gemacht wird.
Die Rohrrücklaufgeschütze waren bestimmt, dem Verlangen der Heere nach schneller feuernden Geschützen Rechnung zu tragen. Die Einführung von Metallpatronen und bald darauf von Einheitspatronen, die eine besondere Liderung entbehrlich machten, der Ersatz der Brandei durch mechanische Abfeuerungsvorrichtungen, die das Feststehen des Geschützes zu bewirken hatten, waren die geeignetsten Mittel, um die Feuerschnelligkeit zu erhöhen.
Dazu kam, daß die schon lange geforderte Anbringung von Schutzschilden gegen Infanteriefeuer auf 2000 bis 3000 m nur bei Geschützen hoher Standfestigkeit möglich war, welcher Forderung somit jetzt Rechnung getragen werden konnte. Alle diese Vorzüge nötigten die einzelnen Staaten, der Ausrüstung ihrer Artillerie mit Rohrrücklaufgeschützen näherzutreten.
Das erste eingeführte Feldgeschütz mit brauchbarem Rohrrücklauf, das ruhig auf dem Boden stand und 25 Schuß in der Minute abgeben konnte, war die vor 40 Jahren eingeführte französische 75 mm-Feldkanone C 97, eine Konstruktion des Obersten Joseph Albert Deport. Dieses Geschütz war auch mit einem Schnellfeuer Verschluß und mit einer doppelten Höhenrichtmaschine ausgestattet, verband also gleichzeitig drei bahnbrechende Neuerungen. Auch Schutzschilde traten erstmalig in Verwendung.
Österreich stand jetzt notgedrungen vor der Aufgabe, den Forderungen der Zeit Rechnung zu tragen. Es erwarb im Jahre 1903 von der Firma Rheinmetall die Rechte an der Konstruktion und an den Patenten der mittlerweile verbesserten Rohrrücklauffeldgeschütze, welche nunmehr die Grundlage für das neue Feldgeschütz M 05, das erste österreichische Rohrrücklauffeldgeschütz, gebildet haben. Es wurde bei diesem auch weiter an der Hartbronze als Rohrmaterial festgehalten, die sich so