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Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.
gut bewährt hatte und von der große Bestände vorhanden waren. Die Erfahrungen des Weltkrieges haben aber gezeigt, daß die Bronze, und wenn es auch geschmiedete Hartbronze war, den Anforderungen, die man zu Beginn des Weltkrieges, aber auch schon zu Beginn dieses Jahrhunderts an das Rohrmaterial mit Bezug auf die erforderliche Geschützleistung stellen mußte, nicht mehr gewachsen war. Die russischen Feldgeschütze mit ihren Stahlrohren haben hierfür den schlagendsten Beweis erbracht. Damit mußte auch die Bronze als Rohrmaterial dem Stahl das Feld vollständig räumen.
Die Erregung, welche das Auftreten des Rohrrücklaufsystems um die Jahr- hundertwende in allen artilleristischen Kreisen hervorgerufen hatte, war noch nicht abgeflaut, als sich schon wieder eine neue bahnbrechende Erfindung ankündigte, die wieder einen ähnlichen Schritt nach vorwärts bedeuten sollte: die „Spreizlafette". Diese wurde zuerst in der italienischen Armee im Jahre 1911 eingeführt. Sie bezweckt, den Übelstand der Rohrrücklaufgeschütze, der in dem eng begrenzten Seitenrichtfeld liegt, auszuschalten. Diese Aufgabe ist den Bedürfnissen der Praxis entsprechend gelöst worden und heute gehört den Spreizlafetten-Feldgeschützen die Zukunft.
Der Rohrrücklauf und die Spreizlafette waren Erfindungen, welche in erster Linie die Lafettenkonstruktion betrafen. Knapp vor Ausbruch des Weltkrieges gelang es den Franzosen, durch die Ausbildung der sogenannten Autofrettage auch auf dem Gebiete der Rohrkonstruktionen einen großen Schritt vorwärts zu machen. Das Wesen der Autofrettage, dieser Rohrverdichtung durch Innendruck auf kaltem Wege, beruht darauf, daß im Innern eines homogenen Rohres allmählich steigende Drucke erzeugt werden, welche schließlich die Elastizitätsgrenze des Werkstoffes weit überschreiten und dadurch bleibende, also plastische Form Veränderungen verursachen. Diese Formveränderungen erstrecken sich anfangs nur auf die innersten Ringschichten, breiten sich aber mit dem Zunehmen des Druckes immer mehr gegen die äußeren aus, bis schließlich sämtliche Ringschichten, jedoch mit einer von innen nach außen abnehmenden Intensität, bleibende Änderungen ihrer ursprünglichen Ruheform erlitten haben. Dieser Vorgang kann so lange fortgesetzt werden, bis die äußere Oberfläche des Rohres eine vorausbestimmte und meßbare bleibende Durchmesservergrößerung erfahren hat.
Daher kann das durch Autofrettage verstärkte Rohr einen bedeutend höheren Druck aushalten als im ursprünglichen natürlichen Zustande, oder es besteht die Möglichkeit, für einen gegebenen Innendruck nunmehr ein dünneres Rohr verwenden zu können als früher.
Die Autofrettage wurde in den Jahren 1910 bis 1913 im Zentrallaboratorium der französischen Marine durch den Ingenieur Malaval an vergüteten Stahlrohren ausgebildet. Das erste autofrettierte Kanonenrohr, und zwar für ein 14 cm-L/50- Geschütz, entstand unter Beihilfe der Firma Schneider in Creuzot zu Beginn des Jahres 1913, so daß diese Neuerung den Franzosen schon während des Weltkrieges zur Verfügung stand.
Die Autofrettage wird in der Praxis entweder durch hydraulischen Druck oder mittels Durchtreibens eines entsprechend dicken Stahlbolzens durch die Bohrung, das sogenannte Stopfenzug verfahren, ausgeführt und ist bei allen Werkstoffen des Geschütz-