Technikgeschichtliche Bücherschau
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bzw. Talbot behandelt. Anschließend wird die Entwicklung jedes einzelnen der photographischen Hilfsmittel, z. B. der Kameras, Objektive, Verschlüsse, aber auch der Dunkelkammer, Empfindlichkeitsbestimmung usw., um nur einige der 45 Abschnitte zu nennen, dargestellt. Hierauf folgt die Geschichte der Unzahl von Anwendungsgebieten der Photographie — sogar die „spiritistische Photographie“ wird behandelt — und als letztes großes Kapitel Betrachtungen über die Photographie als Beruf und Liebhaberei, als Kultur- und Wirtschaftsgut. Der 80 Tafeln umfassende Bildteil bringt außer den vielseitigen Anwendungsbeispielen für die Photographie von den ersten Anfängen der Daguerreotypie bis zur Aufnahme der Erde von einer Rakete aus 160 km Höhe auch die Porträts der bedeutendsten ihrer Pioniere sowie einge heitere Spottbilder auf die Photographie aus Witzblättern vergangener Tage. Außerdem sind auch in dem Textteil zahlreiche 'Abdrucke von Zeitungsanzeigen, Reklameblättern und Originalarbeiten, die die Photographie betreffen, eingestreut. Das Buch besitzt nicht nur ein ausführliches Namen- und Sachverzeichnis sowie einen Literaturnachweis, sondern es ist darüber hinaus an den Seitenrändern auf ergänzende und zugehörige Stellen im Buche selbst verwiesen. Es ist in historischer Hinsicht besonders detailliert gehalten, weniger jedoch in technisch-beschreibender Hinsicht, soferne ein Amateur etwa glaubt, aus dem Buch technische Ratschläge beziehen zu können. Das ist eine Beschränkung, die schon allein der Umfang des Buches gebietet. Die Ausführungen Stengers werden aber jedem, der sich für die Photographie und ihre Geschichte interessiert, in äußerst ansprechender Weise über alles was mit diesen Gebieten irgendwie zusammenhängt — die Kinematographie ausgenommen — informieren und wohl vielen auch viel Neues bringen. Besonders erfreulich ist der Umstand, daß die Photographie in diesem Buch betont dargestellt wird als die Frucht von Erfindern aus allen Kulturnationen und Österreich ist dabei unter diesen nicht die letzte.
Aus dem Bauingenieurwesen wollen wir diesmal auf „A Decade of New Architecture“ von S. Giedion 13 verweisen. Dieses Werk ist besonders für den österreichischen Bautechniker interessant, der während des letzten Weltkrieges vom internationalen Ideen- und Erfahrungsaustausch abgeschnitten, nunmehr diese in mehrfacher Beziehung konfliktgeladene Periode an Hand einer Fülle von Bilddokumenten seiner Berufssparte aus aller Welt überblicken kann. Glücklich ist zweifellos der Umstand zu werten, daß die Herausgabe dieses Werkes unter der Ägide schweizerischer Neutralität erfolgte. So konnte der gelegentlich recht eigenwillige Autor auch „entartete“ sowie „bürgerlich-dekadente“ Bauformen in seine Sammlung aufnehmen, wenn sie nur geeignet erschienen, ein umfassendes, getreues Bild zeitgenössischen Architekturschaffens zu vermitteln, kennzeichnend im Sinne der hohen ethischen Zielsetzung der CI AM-Organisation: positiv mitzuhelfen beim Aufbau einer physikalischen Umwelt, welche unsere Bedürfnisse des Körpers und der Sinne befriedigt und zu einer Höherentwicklung der spirituellen Kräfte anregt. Demgemäß beanspruchen Städteplanung, Wohn- und Bürogebäude, weltliche und sakrale Lehrinstitute, Spitäler, Erholungs- und Vergnügungsräume sowie Gartenanlagen den größten Teil dieses Buches, und in einer Vielfalt, die einfach über-
13 S. Giedion: A Decade of New Architecture. Editions Girsberger, Zürich 1951.
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