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1955: Siebzehntes Heft
Entstehung
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Technikgeschichtliche Bücherschau

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thal betrieben hat, in demselben Ort, von dem aus dem Ehepaar Curie das Erz zur Verfügung gestellt wurde zu den Versuchen, die am Anfang des Atomzeitalters standen. Wie zeitlos und zeitnahe Agricolas Ansichten waren, zeigt auch der im Buche von Hartmann zitierte Satz: ,,Es ist vonnöten, daß man allewegen mehr Achtung auf die Gesundheit, denn auf den Gewinn habe. Er bringt damit eine Gesinnung zum Ausdruck, die auch heute noch mancherorts viel zur Lösung sozialer Probleme beitragen könnte.

Die wissenschaftlichen Arbeiten eines Kopernikus waren zweifellos im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend und er ist durch sie sicherlich einer der Mitbegründer unseres modernen Weltbildes geworden. Hermann Kesten 20 versucht, ein Bild von seinem Lebenslauf und seiner Zeit zu entwerfen. Seine Biographie ist fulminant geschrieben und eine Fülle von Jahreszahlen gibt Zeugnis vom Willen zu historischer Treue. Dennoch wäre es angebracht, in Sachen, die die Ehre der handelnden Per­sonen berühren, weniger reißerisch zu schreiben und mehr Sachlichkeit walten zu lassen, das Bild wird sonst allzusehr verzerrt.

Wie angenehm wirkt dagegen die sachliche Berichterstattung, deren sich Karl Holdermann und Walter Greiling 21 in der Carl-Bosch-Biographie bedienten. Das Buch ist deswegen keineswegs weniger fesselnd. Wir lernen Bosch kennen als den Mann, der das Verfahren der Stickstoffgewinnung aus der Luft von Haber bis zur praktischen Anwendung in der Großindustrie weiterentwickelte und mit der Schaffung des Doppelrohres die chemische Hochdrucktechnik begründete. Wir lernen diesen Nobelpreisträger kennen als einen Mann, der von seinen Mitarbei­tern ungeheuer viel verlangte, dem aber auch selber keine Arbeit zu gering er­schien, um selbst mit Hand anzulegen. Wir lernen ihn schließlich kennen als einen Anwalt der Vernunft und Mahner gegenüber einem System, dessen bitteres Ende er vorausgesehen hatte, als einen Mann, der die Forschung immer an entsprechend führender Stelle gesehen haben wollte, an die sie sicherlich hingehört und der sich bedenkenlos für die Wissenschaftler einsetzte, wenn ihnen ursachlicherweise Gefahr drohte. Uns Österreicher freut es, daß in diesem Zusammenhang auch Lise Meitner, eine gebürtige Wienerin, angeführt ist. Es sind aber auch heitere Epi­soden erwähnt, wie jene Grenzkontrolle, bei der Carl Bosch anstatt eines Passes dem offenbar nicht sehr gelehrten Zöllner eine Speisekarte präsentierte und passieren konnte. Wie sehr haben sich die Zeiten doch seither geändert!

Die Lebensbeschreibung Johann Thomas Trattners von Hermine Cloeter 22 ist man versucht, als eine behutsame Filigranarbeit zu bezeichnen. Die Gestalt Trattners erscheint vielfach in einem gewissen Zwielicht, denn er war nicht nur einGroßunternehmer im Theresianischen Wien, sondern auch als Nachdrucker von Büchern verschrien. Sehr interessant sind die Beziehungen zu den Großen seiner Zeit, zu Mozart oder Maria Theresia zum Beispiel. Text und Gestaltung des

20 Hermann Kesten: Copernicus und seine Welt. Welt im Buch-Verlag Kurt Desch, Wien-München-Basel 1953.

21 Karl Holdermann : Carl Bosch (Leben und Werk). Bearbeitet von Walter Greiling. Econ-Verlag, Düsseldorf 1953.

22 Hermine Cloeter: Johann Thomas Trattner (Ein Großunternehmer im Theresia­nischen Wien). Verlag Böhlaus Nachfolger G. m. b. H., Graz-Köln 1952.