Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
Seite
15
Einzelbild herunterladen

Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen

stets um das Verhältnis der Menschen zu den Maschinen und um die Position der Menschen darin bzw. um die Gefährdung der Mensch-Maschine-Hierarchie. Ängste beziehen sich dabei zum einen konkret auf die Ersetzung menschlicher "Tätigkeiten aufgrund der Einführung neuer Technologie, aber auch unbestimm­ter auf das Überflüssigwerden der Menschen in einer hochtechnisierten und automatisierten Welt bis hin zu apokalyptischen Ängsten, Roboter, intelligente Maschinen oder Künstliche Intelligenzen würden an die vermeintlich kontrollie­rende und dominierende Position der Menschen treten, wie es mit dem Begriff der Singularität beispielsweise von Ray Kurzweil prophezeit wird. 4 Diese Narra­tive sind sattsam bekannt.

Auch wenn es zweifellos aufschlussreich ist, dies historisch seit dem 17. Jahr­hundert nachzuzeichnen, kann sich eine Geschichte der Ersetzung damit nicht begnügen. So ist es ein weiteres Ziel dieses Beitrags, zweitens, aufzuzeigen, dass Ersetzung ein weitaus komplexeres Thema ist und sich nicht auf die vor allem in den Medien stets kolportierten ErsetzungsszenarienMaschine ersetzt Mensch reduzieren lässt. Denn zum einen geht die Idee der Ersetzung nicht nur mit Ängsten und Bedrohungsszenarien der Menschen einher, sondern auch mit Ermächtigungsbestrebungen, etwa wenn menschliche Tätigkeiten an Ma­schinen delegiert werden und Menschen dabei gleichsam über sich hinaus­wachsen. Tätigkeiten werden an Maschinen übertragen, weil diese sie schneller, besser oder effizienter erledigen und menschliche Tätigkeiten damit verviel­facht und gesteigert werden. Dies trifft bereits zu, wenn mit einem Karren viele und schwere Gegenstände schneller transportiert werden können als das ein Mensch ohne Hilfsmittel je könnte. Dies führt zur berechtigten Frage, ob nicht jede Technik eine Ersetzung menschlicher "Tätigkeiten darstellt.

Ob eine Ersetzung als negatives Szenario der Erniedrigung und des Überflüs­sigwerdens der Menschen oder euphorisch als Ermächtigung interpretiert wird, hängt von der Perspektive der betroffenen Personen, den zeitgenössischen Menschenbildern sowie von den Tätigkeiten, die ersetzt werden, ab. Lästige Tätigkeiten wurden beispielsweise meist ohne große Debatten an Maschi­nen delegiert. Sind jedoch Tätigkeiten berührt, die zentral für das menschliche Selbstverständnis sind, so ist aufgeregt von der Ersetzung des Menschen die

4 Z. B. Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Berlin 2013.

15