Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
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Uberflüssigwerden, reparieren und ermächtigen

überwachen beispielsweise Zigarre rauchend die Anlage oder lesen Zeitung, während die Maschinerie für sie arbeitet.

Übermorgen schließlich kontrolliert nur ein einziger Mensch das gesamte Sys­tem, während weitere Menschen kreativ in der Forschung tätig sind. Menschen kontrollieren, steuern und denken, während Maschinen selbsttätig produzieren: So kann man dieses häufig zu findende Narrativ einer positiv gedachten Erset­zung der Menschen zusammenfassen, die mit einer neuen Freiheit von lästiger Arbeit gleichgesetzt wurde.

Es ist hier nicht die Stelle, diese Diskurse seit dem 17. Jahrhundert in allen Nu­ancen und in aller Differenziertheit nachzuzeichnen. Wichtig ist zu betonen, dass Ersetzung aus dieser Perspektive für ein positiv konnotiertes Ziel einer perfekten Fabrik steht, die effizient und reibungslos läuft. Maschinen arbeiten wie von selbst und erledigen die unangenehme Arbeit. Maschinen stehen für das Versprechen des Funktionierens, der Effizienz und hoher Qualität sowie menschlicher Freiheit. Die Position der Menschen wird als eine überwachende und überlegene gedacht, Maschinen ermöglichen den Menschen demnach die Konzentration auf denken­de, kreative und kontrollierende, steuernde Tätigkeiten und damit auf das, was Menschen doch eigentlich ausmache, so das anthropozentrische Konzept. Gleichfalls im 17. Jahrhundert bildete sich das Gegennarrativ heraus, das in der Er­setzung eine Gefahr sah. In Deutschland wie in England finden sich bereits im 17. und 18. Jahrhundert eine Fülle von Protesten und Widerständen gegen die Einfüh­rung von Maschinen. Aufgrund der Bedenken, die Arbeitsleistung der Maschinen werde dieMehrzahl der Bandweber erwerbslos und elend machen 12 , kam es zu Protesten und gar Verboten. 13 Auch innerhalb der politischen Ökonomie des 17. und 18. Jahrhunderts finden sich ähnliche Argumente. Im Jahr 1849 schließlich lag der Frankfurter Nationalversammlung eine Petition vor, die dasVerbot aller Maschi­nen forderte,die Arbeiten verrichteten, welche vor 50 Jahren noch von Menschen­händen verrichtet worden sind, besonders Spinn- und Webemaschinen. 14 Auch David Ricardo äußerte, dass dieVerdrängung der menschlichen Arbeit durch die Maschine häufig mit großen Nachteilen für die Arbeiterklasse verbunden ist. 15

1 2 Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Paderborn 2006, S. 82.

13 So wurde der Gebrauch der Bandmühle 1685 mit einem kaiserlichen Verbot belegt. Vgl. Günter Bayerl: Technik in Mittelalter und Früher Neuzeit. Stuttgart 2013, S. 104. Vgl. auch: Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. München 1984.

14 Zitiert nach: Sieferle, siehe Anmerkung 13, S. 81.

15 Zitiert nach: Reinhold Reith: Technische Innovation im Handwerk der Frühen Neuzeit? Traditionen, Perspektiven und Probleme der Forschung, in: Karl Heinrich Kaufhold, Wilfried Reininghaus (Hg.): Stadt und Handwerk in Mittelalter und Früher Neuzeit. Köln 2000, S. 21-60, hier S. 37.

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