Martina Heßler
Diese „großen Nachteile“ wurden allerdings nicht nur in dem Verlust der materiellen Existenz gesehen, sondern auch in einer neuen Arbeitsteilung zwischen Menschen und Maschinen, wenn die Maschine die „eigentliche Arbeit“ mache, während die Arbeiterinnen Zu- und Hilfsarbeiten erledigen müssen und damit - wie Marx formulierte - zu Anhängseln der Maschine und erniedrigt wurden. 16 Dies verweist erneut darauf, wie eng der Topos der Ersetzung nicht nur mit kulturellen Konzepten einer positiv besetzten Effizienzkultur einherging, in der Menschen zeitweise eher als Störfaktor galten, sondern auch darauf, wie das menschliche Selbstverständnis berührt wurde, wenn Maschinen die vormals menschlichen Tätigkeiten übernahmen. Das Gefühl, einer Maschine untergeordnet zu sein, sich ihrem Takt zu fügen, ihr unterlegen zu sein, löste immer wieder heftige Debatten um das Mensch-Maschinen-Verhältnis aus. Es stellte anthropozentrische Konzepte in Frage. Zudem verweist es auf die Bedeutung von Arbeit für das menschliche Selbstverständnis.
Drehten sich die Debatten hinsichtlich der Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert vor allem um die Ersetzung der Handarbeit und damit um handwerkliche Tätigkeiten deren Übernahme durch Maschinen gleichsam den ersten anthropologischen Schock darstellte, so verschoben sich die Diskurse seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin zur Neupositionierung der Menschen als von lästigen Tätigkeiten befreit und als geistige Kontrolleure und kreative Denker, die den Maschinenpark überwachten. Letzteres Idealbild wird auch heute gezeichnet, wenn argumentiert wird, dass Digitalisierung und Kl den Menschen lediglich die geistigen Routinetätigkeiten abnehmen würden, womit die Arbeit nicht nur effizienter, sondern angenehmer und angemessener für Menschen werde, womit auch eine Abwertung der Handarbeit und von Routinetätigkeiten einhergeht. Festzuhalten bleibt, dass sich die Argumente seit spätestens dem 19. Jahrhundert ähneln: die euphorischen Erwartungen von Ingenieuren und Kybernetikern, Wissenschaftlern und Unternehmern an eine möglichst menschenarme Maschinisierung und Automatisierung als reibungslose, effiziente Produktionsweise, sei es in der Fabrik, im Büro oder auch zunehmend im Pflegebereich, wobei den Menschen die kontrollierenden und kreativen, in jüngster Zeit auch die pflegerischen Tätigkeiten verbleiben sollen - und somit eine Aufwertung der Menschen durch Ersetzung bestimmter Tätigkeiten auf der einen Seite. Stets wurden dabei die vielfältigen Vorteile der Maschinen betont, sei es ihre Rastlosigkeit, ihre Feh-
16 Vgl. ausführlicher: Martina Heßler: Angst vor Technik und das Kontingentwerden »des Menschen«, in: Markus Bernhardt, Stefan Brakensiek, Benjamin Scheller (Hg.): Ermöglichen und Verhindern. Vom Umgang mit Kontingenz. Frankfurt am Main 2016, S. 209-234.
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