Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
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Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen

lerlosigkeit, die stete Verfügbarkeit oder, wie es zuletzt im Kontext der Corona- Krise zu lesen war, dass sie sich nicht mit einem Virus anstecken und damit als Arbeitskräfte nicht ausfallen würden. 17 Auf der anderen Seite die wohlbekann­ten Ängste, Menschen würden entwertet und überflüssig, wenn Maschinen ihre Tätigkeiten übernehmen. Diese hier referierten Argumentationsmuster sind von hoher historischer Persistenz. Sie funktionieren bis in die Gegenwart, weshalb es immer wieder wichtig ist, sie kritisch zu rekonstruieren und zu reflektieren. Sie sind aber vor allem genauer zu betrachten. Denn das so gezeichnete Bild ist zu einfach, wenn man eine differenzierte Geschichte der Ersetzung schreiben möchte. Die polar gefärbten Debatten über die Ersetzung menschlicher Arbeit als Ermächtigung und menschliche Aufwertung versus menschliche Abwertung bzw. Überflüssigwerden sind vor allem Spiegel anthropozentrischer Hybris bzw. Angst. Sie sind Teil einer Geschichte des Anthropozentrismus. Eine Diskursge­schichte der Ersetzung ist mithin ausgesprochen aufschlussreich für eine sol­che Geschichte sowie gängiger westlicher Konzepte des Mensch-Maschinen- Verhältnisses. Denn deutlich wird, wie stark der Ersetzungsdiskurs seit dem 17. Jahrhundert auf diese duale Struktur reduziert ist. Diskurse um Ersetzung wer­den zudem meist auf einer abstrakten Ebene geführt, so dass lediglich betont wird, dass Maschinen an Stelle der Menschen arbeiten. Gesprochen wird über die Spezies Mensch, nicht über individuelle Menschen. Differenzierungen und Verschiebungen von Tätigkeiten und sozialem Gefüge haben in diesem Narrativ keinen Platz.

So existieren, erstens, kaum Studien, die beispielsweise systematisch für eine Branche Ersetzungen differenziert quantifizieren. Teils werden, vor allem in po­pulärwissenschaftlichen Studien, spektakuläre Zahlen genannt. Jeremy Rifkin schrieb beispielsweise, dass seit Mitte der 1950er-Jahre in den USA inner­halb von fünf Jahren in der Stahlindustrie 95.000 und in der Automobilindustrie 160.000 Arbeiterinnen entlassen worden seien. 18 Es geht nicht darum die für viele Menschen problematischen Konsequenzen von Automatisierungsprozes­sen nicht mehr in den Blick zu nehmen. Denn zweifellos wurden viele zuvor von Menschen ausgeübte Tätigkeiten fortan von Maschinen übernommen und viele Menschen arbeitslos. Doch reduziert die Angabe solcher Zahlen die Komplexi­tät des Prozesses und argumentiert auf einer abstrahierenden, rein quantitati­ven Ebene, die nicht nach Alter, Geschlecht und sozialer Schicht oder Stadt,

17 Sami Haddadin: Die rettenden Roboter kommen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.4.2020.

18 Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Neue Konzepte für das 21. Jahrhundert. Frankfurt, New York 2005 (Original 2005), S. 87.

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