Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
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Martina Heßler

Land, Region differenziert. Zudem werden häufig absolute Zahlen verwendet. Allerdings resultiert, zweitens, und dies erschwert im Übrigen auch eindeuti­ge Quantifizierungen, aus der Delegation menschlicher Tätigkeiten an Maschi­nen nicht immer eine völlige Ersetzungder Menschen, wie es die Redeweise suggeriert, sondern meist eine Verschiebung menschlicher Tätigkeiten, ein Wandel von Kompetenzen, Qualifikationen und der Position der Menschen im Arbeitsprozess. Dies verweist auf komplexe Prozesse der Entstehung neuer Qualifikationen, neuer Tätigkeiten und neuer Berufe sowie gleichzeitig auf das Verschwinden von Tätigkeiten und Berufen und das Überflüssigwerden von Qualifikationen. Die Druckindustrie ist eines von vielen Beispielen. Denn noch immer arbeiten Menschen in der Druckindustrie. Allerdings hat sich das Berufs­bild des Druckers völlig gewandelt: Der Drucker wurde zum Mediengestalter. Drittens gingen diese Ersetzungen, zumindest in vielen europäischen Staaten, häufig mit vielfältigen Sozialmaßnahmen einher wie Vorruhestandsregelungen, Abfindungen oder Nicht-Neubesetzungen von Positionen. Keineswegs soll auch mit diesem Argument Arbeitslosigkeit oder die für viele traumatische Erfahrung der Ersetzung durch eine Maschine verharmlost werden. Vielmehr ist gerade die Erfahrungsperspektive der Menschen von hoher Bedeutung für eine Geschich­te der Ersetzung. Sie verweist auf die schillernden und vielfältigen Dimensionen des Ersetzungsbegriffs. Viele betroffene Arbeiterinnen, deren Tätigkeit fortan von Maschinen gemacht wurden, fühlten sich ersetzt, vor allem wenn es sich um Entlassungen handelte. Aber auch bei Abfindungen und Vorruhestandsregelun­gen äußerten Menschen dieses Gefühl, ersetzt worden zu sein und beschrie­ben dies als soziale und psychische Belastung. Andere sahen dies als Chance, Neues zu lernen. 19

Viertens wird die Ersetzung sehr häufig im Kontextder Maschinen diskutiert. Dies ist jedoch gleichermaßen eine Verkürzung komplexer historischer Prozes­se. So gingen beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1972 und 2002 1,9 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie verloren, 20 in Frank­reich 1,5 Millionen. 21 Dies ist jedoch nicht allein auf den Einsatz von Maschinen

19 Zu verweisen ist hier auf die Erwerbsbiographien, die Lutz Raphael rekonstruierte. Vgl. Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Frankfurt am Main 2019. Dies wäre mit stärkerem Fokus auf technische Erfahrungen weiterzuführen. Ansatzweise wurden die Erfahrungen von Druckern und Setzern in einem Lehr­forschungsprojekt an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg mit Oral Histories untersucht: Martina Heßler (Hg.):...unseren Beruf gibt es nicht mehr... Technologischer Wandel in der Druckindustrie - Die Perspektive der Drucker und Setzer, https://edoc.sub.uni-hamburg.de//hsu/ volltexte/2017/3165/pdf/Hessleretal.pdf (7.10.2020)

20 Vgl. Raphael, siehe Anmerkung 19, S. 327.

21 Ebd., S. 310.

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