Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
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Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen

zurückzuführen, sondern auf ein Geflecht verschiedener Faktoren wie struktu­relle Wandlungsprozesse, Automatisierung und Globalisierung, also auch die Auslagerung von Tätigkeiten auf andere Erdteile.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Komplexität einer Geschichte der Erset­zung und der Uneindeutigkeit des Begriffs verdeutlicht, ist schließlich zu be­denken. Aufgrund des Wachstums von Arbeitsaufgaben war die zu erledigende Arbeit historisch betrachtet häufig von Menschen allein nicht mehr zu bewälti­gen. James Beninger hat dieses, moderne Gesellschaften bestimmende Muster in seinem BuchThe Control Revolution eindrücklich aufgezeigt, ohne dass es ihm allerdings um die Frage der Ersetzung gegangen wäre . 22 Er zeigte jedoch, wie seit der Industrialisierung Wachstum und steigende Komplexität zu einer Krise der Kontrolle, wie er das nannte, führten. Händische, rein menschliche Arbeit reichte nicht mehr aus, um gesellschaftliche und ökonomische Prozesse zu kontrollieren, was zu neuen Kontrolltechnologien führte. Zentral für die Bewältigung dieser immer wiederkehrendenKrise war der Einsatz von Technologien, die menschliche Arbeit übernehmen . 23 Die Verarbeitung von In­formationen ist dafür nur ein Beispiel. So ermöglichte der Einsatz der Hollerith- Maschinen die schnellere Auszählung der Datenmengen. Heute erleben auch Historikerjnnen, dass mit Verfahren der digital humanities die Fülle der Quellen algorithmisch ausgewertet wird. Algorithmen übernehmen Tätigkeiten wie die Auswertung von Texten, die bis vor kurzem selbstverständlich als eine mensch­liche Tätigkeit betrachtet wurden. Das Verhältnis maschineller und menschlicher Tätigkeit verschiebt sich sicher derzeit erneut, und vielfach wird dies als Erset­zung der Menschen diskutiert, obgleich Historikerjnnen zukünftig die Menge der verfügbaren Informationen allein nicht mehr auswerten werden können.

Dies führt zu einem zentralen Argument dieses Beitrags, nämlich, dass die Rede von der Ersetzung facettenreich und uneindeutig ist. Es besteht keine trenn­scharfe Grenze zwischen einer Ersetzung menschlicher Tätigkeiten im Sinne einer Übernahme dieser Tätigkeiten durch Maschinen, die Menschen überflüs­sig macht, auf der einen Seite und der menschlichen, vermeintlich steuernden und kontrollierenden Nutzung von Maschinen, die Menschen ermächtigt, auf der anderen Seite. Oder anders gesprochen zwischen technischer Ersetzung von menschlicher Arbeit und Mensch-Maschinen-Kooperation. Die Delegation, um

22 Vgl. James R. Beninger: The Control Revolution. Technological and Economic Origins of the Infor­mation Society. Cambridge, MA, London 1986.

23 Beninger fasst den Begriff der Kontrolltechnologien sehr weit. Dazu gehören für ihn vor allem auch Bürokratisierung sowie Formalisierungsprozesse.

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