Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen
wie der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz-Forschung kreuzen sich diese Diskurse allerdings, insofern beispielsweise Roboter im Dienstleistungsoder Riegebereich eingesetzt werden.
Aber auch jenseits der Arbeitswelt gibt es eine lange Tradition der Idee, das menschliche Gegenüber mit einer von Menschen gemachten und selbst gestalteten Figur zu ersetzen. Nicht zu übersehen ist, dass es sich dabei um männliche Phantasmen handelt, die sich auf Frauen beziehen. Dies reicht von literarischen Vorstellungen, wie im Pygmalion-Mythos oder in Auguste Villiers de I'lsle-Adam Roman „Die zukünftige Eva“ über real vorhandene Sexpuppen bis zu heutigen Sexrobotern oder auch technischen Haustieren wie dem Tamagotchi. Kürzlich wurde berichtet, dass die Zahl der Menschen, die Sexroboter-Bordelle aufsuchen, in Corona-Zeiten gestiegen sei. 24 Auch der Verkauf eines Sprachbots sei gestiegen, Menschen würden die fehlende menschliche Sozialität mit einem Bot namens Replika zu kompensieren versuchen. 25
Im Bereich des Sozialen entstand die Idee der Ersetzung menschlicher Akteure häufig aus einem Mangel, so etwa einem Mangel an Zeit oder dem Willen, sich um alte Menschen zu kümmern, oder aus Mangel an Platz und Zeit für ein lebendiges Haustier, weshalb beispielsweise elektronische Geräte in Japan ein ideales technisches Haustier darzustellen schienen oder aber ein gefühlter Mangel an Sozialität, der mit Maschinen kompensiert werden soll.
Im Sozialen wurde Technik, oder breiter gesprochen, Künstliches, zum Ersatz für ein fehlendes menschliches Gegenüber. Damit einher ging eine Betonung der vermeintlichen Vorteile der technischen „Anderen“ wie deren stete Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Widerspruchslosigkeit sowie, wie bereits im Pygmalionmythos betont, die Möglichkeit, das Gegenüber nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Historisch lässt sich die Ersetzung von Menschen im Bereich des Sozialen exemplarisch am Beispiel der Sexpuppen bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Häufig wird als erste „Sexpuppe“ die dame de voyage genannt, die, aus alten Kleidern gefertigt, während langer Seereisen die an Bord fehlenden Frauen ersetzten. 26 Mit Entstehung einer Sexindustrie Ende des 1 9. Jahrhunderts findet sich Werbung zu Sexpuppen, in der deutlich wird, dass auch hier der Gedanke der Ersetzung menschlicher, aber nicht verfügbarer Partnerinnen entscheidend war. 27 Seit den 1990er-Jahren sind RealDolls
24 Boris Hänssler: Karriere der Sexroboter, in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2020.
25 Michael Moorstedt: Hallo 4.0, in: Süddeutsche Zeitung, 22.6.2020.
26 Anthony Ferguson: The Sex Doll. A History. Jefferson 2010, S. 16f.
27 Marquard Smith: The Erotic Doll: A Modern Fetish. New Haven 2013, S. 183.
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