Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
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Martina Heßler

auf dem Markt, und der fast ausschließlich männliche Kreis der Abnehmer von Sexpuppen stieg. 28 Eine neue Phase zeichnet sich jedoch seit den 1990er-Jah- ren mit der Digitalisierung und der Kl-Forschung ab, als Maschinen vermeint­lich begannen, den Menschen zu antworten und sich in Interaktion mit ihnen zu verändern, wie beispielsweise das Tamagotchi. Ähnlich wie in der Arbeitswelt spielt auch hier der Wunsch nach Perfektion, Effizienz und Reibungslosigkeit eine entscheidende Rolle. Und auch hier zeigt sich wieder deutlich, wie unter­schiedlich Ersetzung erfahren und interpretiert wird. Denn für die Menschen, die Tamagotchis, Aibos oder Sexdolls nutzen, stellt sich dies häufig nicht als Ersetzung eines anderen Menschen dar, sondern als eine zusätzliche Option. Sie entwickeln häufig intensive Emotionen zu den Maschinen, die ihnen das Gefühl geben, ein individuelles Gegenüber zu sein. Beklagen die einen in kul­turkritischer Manier die Ersetzung von Mitmenschen durch selbst geschaffene technische Andere, 29 so sehen andere darin die Option einer anderen Form von Beziehung, nicht eine Ersetzung.

Ersetzung des menschlichen Körpers

Ersetzung durch Maschinen bezieht sich nicht nur auf menschliche Tätigkeiten oder auf menschliche Gegenüber. Ersetzt werden seit Jahrhunderten auch Teile des menschlichen Körpers, wie die umfangreiche Geschichtsschreibung zu Pro­thesen und Implantaten zeigt. Im Folgenden kann es nicht um eine Geschichte der Ersetzung menschlicher Körperteile gehen, zumal hier bereits viel Forschung vorliegt. 30 Vielmehr soll auch an diesem Beispiel gezeigt werden, wie uneindeu­tig und schillernd der Begriff der Ersetzung ist. Zum einen zeigt sich erneut das Changieren zwischen positiv und negativ bewerteter technischer Ersetzung, das in diesem Fall ein Changieren zwischen Reparatur und Erweiterung/Enhan­cement ist. Als Wiederherstellung und Ersetzung etwas Verlorenen, als Repa­ratur wurden Prothesen beispielsweise nach dem Ersten Weltkrieg von Ärzten, Politik und Unternehmen interpretiert. Wie Sabine Kienitz herausgearbeitet hat, wurde die Verfügbarmachung von Prothesen für Kriegsinvalide in Deutschland

28 Ferguson, siehe Amnerkung 26, S. 40f.

29 Vgl. vor allem die Kritik von Sherry Turkle: Alone Together. Why we expect more from technology and less from each other. New York 2011.

30 Vgl. z. B. Sabine Kienitz: Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923. Paderborn 2008; Karin Harrasser: Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne. Berlin 2016; Kat­herine Ott, David Serlin, Stephen Mihm (Hg.): Artificial Parts, Practical Lives. Modern Histories of Prosthetics. New York, London 2002; Christoph Asmuth, Sybilla Nikolow (Hg.): Ersatzglieder und Superhelden. Beiträge zur Vergangenheit und Zukunft der Prothetik. Bielefeld 2018.

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