Uberflüssigwerden, reparieren und ermächtigen
als eine der „vornehmsten Aufgaben der Gegenwart“ bezeichnet, so ein Arzt, der in der „Prüfstelle für Ersatzglieder“ tätig war. Denn mit einer Arbeitshand, also einer Prothese, die es ermöglichte, am Arbeitsprozess teilzunehmen, würden die Kriegsbeschädigten wieder „zu einem vollwertigen Menschen .“ 31 An die Stelle der Hand trat gleichsam ein Werkzeugkoffer, Beinprothesen ermöglichten wieder das Gehen und Stehen. Technische Ersetzung kompensiert in dieser Logik einen Verlust, einen Schaden, wie es schon im Grimm’schen Wörterbuch, wie eingangs zitiert, als Kern der Ersetzung formuliert wurde.
Wurden Prothesen in diesem Sinne als Reparatur, als Wiederherstellung gedacht, so nahmen allerdings Betroffene diese vielfach nicht als Wiederherstellung ihrer Körper wahr, zu viele Probleme gab es hinsichtlich der Mensch- Prothesen-Schnittstelle und nicht zuletzt der Ästhetik. Kienitz verwies auf die Ambivalenz und die „Abwehrhaltung [...], die bis hin zur Zerstörungswut reichen konnte“ und als „Normierung“ und „physische und psychische Belastung“ wahrgenommen wurden . 32
Zweifellos veränderte der Ersatz, die Reparatur den Körper und die Körpererfahrung. Eine technische Ersetzung eines Körperteils ist nicht lediglich eine Kompensation eines Verlustes. Ähnlich wie in der Arbeitswelt die menschlichen Tätigkeiten durch Delegationen an Maschinen stets verschoben wurden, so veränderte eine Prothese den menschlichen Körper und ersetzte nicht schlichtweg ein verlorengegangenes Organ.
Das ersetzte Körperteil, das nach dem Ersten Weltkrieg von seiner Funktion in der Arbeitswelt her konzipiert war, glich einem Ersatz, der etwas anderes war als die verlorene Hand, nämlich eine Funktionshand. Gleichzeitig wurde dieser Ersatz zeitgenössisch als notwendig bezeichnet, um ein „vollwertiger Mensch“ zu sein. Damit war auch eine Norm transportiert und setzte Erwartungen an die Ersetzung fehlender Körperteile. Der nicht mit Ersatzteilen ausgestattete Körper galt, wie im Zitat deutlich wurde, als defizitär. Allzu deutlich verweist diese Argumentationsweise auf zugrundeliegende Menschenbilder, vor deren Folie in der Arbeitswelt funktionierende Menschen als „vollwertige Menschen“ definiert wurden.
War eine Prothese hier Ersatz und Reparatur, so lässt sich in der jüngeren Vergangenheit eine andere Interpretation finden, indem Prothesen als Erweiterung
31 Zitiert nach: Sabine Kienitz: Schöner gehen? Zur technischen Optimierung des kriegsinvaliden Körpers im frühen 20. Jahrhundert, in: Body Politics 3 (2015), Heft 6, S. 235-259, hier S. 235, http://bodypolitics.de/de/wp-content/uploads/201 6/09/Heft_06_04_Kienitz_Schoener-gehen_ End-1 .pdf (25.9.2020)
32 Kienitz, Beschädigte Helden, siehe Anmerkung 30, S. 350.
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