Martina Heßler
gedeutet werden, als eine Steigerung der menschlichen Organe und schließlich zuweilen nicht prothetisierte Menschen als defizitär bezeichnet werden. Wurde nach dem Ersten Weltkrieg versucht, Kriegsinvalide mittels technischer Ersetzung der verlorenen Gliedmaßen möglichst wieder konkurrenzfähig mit „Vollarbeitern“ zu machen, so erweisen sich in der Gegenwart Menschen mit technisch ersetzten Beinen beispielsweise in Sportwettkämpfen als schneller oder konnten weiter springen als Menschen ohne Prothesen . 33 Die Ersetzung ihrer Gliedmaßen machte sie besser als andere. Im Transhumanismus gilt jegliche Technik, die menschliche Sinne erweitert, als legitim und erstrebenswert, da der menschliche Körper als unvollkommen gilt 34 Eine junge Frau präsentierte sich beispielsweise im Internet mit der Botschaft, Körper seien Schrott und daher technisch aufzuwerten . 35
Es zeigt sich mithin eine historisch sich wandelnde kulturelle Bewertung technischer Ersatzteile für den Körper. Damit wird auch hier die mangelnde Trennschärfe von Ersetzung und Erweiterung deutlich. Auch die Funktionshand war in ihrer reinen Funktionalität in gewisser Weise eine Erweiterung, indem sie perfekt auf die zu bedienende Maschine abgestimmt war. Heute betrachten Menschen, die sich selbst als Cyborg bezeichnen, die Erweiterung ihrer Sinne als Steigerung und Empowerment, weil sie damit beispielsweise mehr hören können als Menschen ohne technische Implantate. Gleichwohl ist der Grund der Implantate häufig, so beispielsweise bei Enno Park, zuerst einmal ein Fehlen oder eine Einschränkung der Sinne, so etwa des Gehörs . 36 Auch Neil Harbisson verwandelte sein Schwarzweiß-Sehen mittels einer im Schädel implantierten Antenne in ein anderes, erweitertes Sehen, indem Farben in Töne übersetzt werden und er Farben hören kann. Er selbst sah diese Technik nicht als Ersetzung oder Reparatur des ihm nicht möglichen Farbensehens, sondern als ein neues Sehorgan . 37 Die technische Ersetzung von etwas Fehlendem wird damit zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, eine geradezu Gehlen’sche Denkfigur . 38
33 Vgl. z. B. den Fall des Weitspringers Markus Rehm, der mit Prothesen weiter springen konnte, in: Christian Spiller: Wenn einer mit Prothese gewinnt, in: Die Zeit Online, 30.7.2014, https://www. zeit.de/sport/201 4-07/rehm-prothese-em (25.9.2020)
34 Vgl. Janina Loh: Trans- und Posthumanismus. Zur Einführung. Hamburg 2018, v. a. S. 50-61.
35 Dann wären wir Götter, www.blog.NEON.de/cyborgs (25.9.2020)
36 Vgl. Alexander Krützfeldt: Wir sind Cyborgs. Wie uns die Technik unter die Haut geht. Berlin 2015.
37 Elisabeth Neuhaus: Cyborg will mit neuem Implantat die Zeit kontrollieren, in: Die Welt, 12.11.2018, https://www.welt.de/wirtschaft/gruenderszene/article1 83675148/Neil-Harbisson- Cyborg-will-mit-neuem-lmplantat-die-Zeit-kontrollieren.html (25.9.2020)
38 Arnold Gehlen definierte den Menschen als Mängelwesen, das sich mittels Technik erweitere. Technik ist demnach ein Organersatz und eine -Verstärkung. Vgl. Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter. Hamburg 1958.
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