Aufsatz 
Überflüssigwerden, reparieren und ermächtigen. Facetten eines anthropozentrischen Diskurses um die technische Ersetzung der Menschen / Martina Heßler
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen

Uberflüssigwerden, reparieren und ermächtigen

Dies erinnert wiederum an die eingangs gestellte Frage, inwieweit jede Technik eine Ersetzung menschlicher Tätigkeiten oder Fertigkeiten ist, die teils zu einer Erweiterung, teils zu einer Verdrängung oder zu einer Verschiebung mensch­lichen Handelns führt. Ersetzung, Reparatur und Empowerment sind nicht klar voneinander zu trennen.

Zentral für die Beschreibungsformen und Wertungen der technischen Erset­zung einzelner Körperteile ist das menschliche Selbstverständnis und die Frage, auf welchen Körperbildern es basiert. Historisch betrachtet wurden und werden häufig Vorstellungen einesnatürlichen menschlichen Körpers aufgerufen, die vor allem seit den letzten Dekaden mit der offensiven Gestaltung des Körpers durch die Ersetzung verschiedener Körperteile, wie von Cyborgs oder Transhu­manisten propagiert, konkurrieren. Der menschliche Körper ist dann ein Objekt der Gestaltung: Die als defizitär gedachten menschlichen Organe, Sinne und Gliedmaßen sind zu ersetzen und mit Besserem, Technischem austauschen. Nicht selten wird in diesem Kontext auf Theseus rekurriert, der am Beispiel eines Schiffes die Frage stellte, wie viele Teile ersetzt werden können, damit man noch davon spreche, dass es das gleiche Schiff sei, womit die Frage aufgerufen ist, wann ein mit technischen Ersatzteilen ausgestatteter Mensch noch ein Mensch sei. Auch im Kontext menschlicher Körper wird mithin deutlich, wie stark das Thema der Ersetzung anthropologische Fragen berührt und zu Neuverhandlun­gen menschlicher Selbstverständnisse führt.

Fazit

Die Ersetzungdes Menschen durch Maschinen gehört mithin zu den Topoi, die in populären Debatten wie im Fachdiskurs immer wieder Ängste und Besorgnis­se schüren, aber auch große Hoffnungen auf menschliche Freiheiten oder Befrei­ungen von Lästigem, vom Defizitären und damit auf Ermächtigung hervorbringen. Die menschliche Ersetzung wird seit dem 17. Jahrhundert im Kontext der Ar­beitswelt diskutiert, mit dem stets gleichen Narrativ der Erniedrigung oder gar das Überflüssigwerden der Menschen versus der menschlichen Ermächtigung. Aber auch im Bereich des Sozialen werden andere Menschen mit technischen Figuren ersetzt, wobei hier häufig auf die Verfüg- und Gestaltbarkeit des tech­nischen Gegenübers verwiesen wird. Werden Teile des menschlichen Körpers technisch ersetzt, so changiert diese Ersetzung zwischen Reparatur und Er­mächtigung und subjektiv empfundener Verbesserung und Erweiterung und wird keineswegs als Ersetzung wahrgenommen.

29