Christian Stadelmann
erspüren und befriedigen.“ 64 Levy begründet das damit, dass bis dahin enorme technologische Fortschritte erzielt werden würden. Auf diese „technologischen Fortschritte“, also welcher Gestalt diese sein könnten, damit das möglich wird, geht Levy im ganzen Buch nicht näher ein. Abgesehen von historischen Herleitungen, die die Nutzbarmachung der jeweils zeitgegebenen technischen Möglichkeiten im Dienste der Sexualität betreffen, beschreibt er in weiterer Folge vor allem, wie leicht es für Menschen sein werde, eine Beziehung zur Technik aufzubauen und welche gesellschaftlichen Vorteile Sex mit Robotern haben werde. Der Umstand, dass es methodisch höchst fragwürdig ist, eine mehr als vage Prognose auf über 40 Jahre hinaus vorzunehmen, hat ihre nachhaltige Popularität nicht verhindern können. Zwar ist das Buch nur schrittweise bekannt geworden (und bis heute gibt es keine deutsche Übersetzung davon), aber je größer der Rummel um „Sexroboter“ in den vergangen zehn Jahren geworden ist, desto mehr hat die These Levys unhinterfragte Allgemeingültigkeit erlangt. Im deutschsprachigen Raum ist das Buch zunächst auf Plattformen, die sich mit Science Fiction und EDV beschäftigen, besprochen worden. 65 Etwa um die Mitte der 2010er-Jahre ist die Vorhersage nach und nach zu einem Topos geworden, der seither in den Medien nicht nur verbreitet, 66 sondern auch noch elegant ausgeschmückt wird: „Im Jahr 2050 werden wir mehr Sex mit Robotern als mit Menschen haben, prophezeite der Trendforscher Ian Pearson“, 67 lässt uns der Kurier wissen. Dass als Referenz dafür dann ausgerechnet „Roxxxy“ herhalten muss, die wahrscheinlich niemand von denen, die darüber geschrieben haben, auch gesehen, geschweige denn erlebt hat, unterstreicht nur, wie phantasiegeleitet und gleichzeitig faktenarm die öffentliche Diskussion verläuft. Und wenn dann eine Künstlerin behauptet, dass es nicht mehr weit bis zu jenem Schritt sei, mit dem Sexpuppen unsere Lebenspartner ersetzen würden, dann wird auch das ungefiltert zu den Leserinnen und Lesern weitergetragen. 68 Immerhin sind die Sozialwissenschaften bei solch konkreten Prognosen meistens zurückhaltender. Sie erwähnen „die provokante Aussage David Levys“,
64 „No longer will it be necessary to redesign or even reprogram a robot to perform some new task for us; instead the robots of the future will learn by watching what makes us happy and grateful and will sense our desires and satisfy them“, in: Ebd., S. 17.
65 Sex und Heirat mit Robotern ab 2050 vorstellbar. Computerwoche, 22.10.2007, https://www. computerwoche.de/a/sex-und-heirat-mit-robotern-ab-2050-vorstellbar, 582320 (17.10.2020) und: Amalee Newitz: Can a Robot Consent to Have Sex with You?, 22.12.2008, https://io9.gizmodo. com/can-a-robot-consent-to-have-sex-with-you-5115376 (12.9.2020)
66 Vgl. z. B.: Lobe, siehe Anmerkung 39 und Hummel, siehe Anmerkung 27.
67 Julia Pfligl: Die Maschine in meinem Bett. In: Kurier, 21.12.2016, S. 22.
68 Angelika Hager: Von Kopf bis Fuß auf Triebe eingestellt. In: Profil. Das unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs, 47. Jg., Nr. 48, 28. November 2016, S. 74-82, hier S. 82.
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