Neues vom Schöpfungsakt
lieh vorschwebt, technisch nicht so bald Erfolg haben wird und jedenfalls extrem teuer und wartungsintensiv werden würde.
So vermessen, Replikanten herstellen zu wollen, sind die Entwickler von „Sexrobotern“ gegenwärtig aber gar nicht. Zunächst belassen sie es bei Suggestiv- Funktionen, wie jener der Lippenbewegung. Bereits 2010 ist angeblich eine „RealDoll“ angeboten worden, deren Augen man aktiv schließen konnte. Indem ein Seilzug über den Hinterkopf und von den Haaren verborgen zu den Augenlidern geführt worden ist, ist es dem Nutzer mittels Flügelschrauben möglich gewesen, die Augen nach Belieben zu öffnen und zu schließen. Er konnte „die Augen der Puppe schließen, als befände sie sich im Rausch der Leidenschaft.“ 84 Womöglich sind konstruktive Simulationen, auch wenn sie uns als solche offengelegt werden, trotzdem dazu geeignet, unsere Wahrnehmung zu täuschen und uns ein Gegenüber darzubieten, das sich menschlich verhält. Diese suggestive Kraft, haben die Automatenbauer zu allen Zeiten zu nutzen gewusst. Als Jacques de Vaucanson 1738 der Öffentlichkeit einen künstlichen Flötenspieler präsentierte, der, abgesehen davon, dass er verschiedene Musikstücke tatsächlich spielte, dabei sogar die Lippen bewegte, dahinter stand einerseits eine technisch höchst anspruchsvolle Leistung, die gleichwohl nur aufgrund ihrer suggestiven Wirkung so großes Aufsehen erregte. 85 Auch Vaucansons mechanische Ente, die sitzen, stehen, watscheln, schnattern, flattern, Wasser trinken sowie Maiskörner aufpicken konnte und diese anschließend „verdaute“ und ausschied, verdankt die Begeisterung, die sie erweckte, der Suggestion. Aber das sind Beispiele für Vorführungen, und im Gegensatz dazu geht es bei „Sexrobotern“ um die wohl direktesten Interaktionen, die für Menschen denkbar sind. Werden immer mehr funktionale Tricks in einer Puppe eingesetzt, so muss zwangsläufig eine Schere zwischen den Körperfunktionen des Menschen und denen des „Roboters“ aufgehen. Mit immer noch mehr technischem Aufwand müssten immer noch mehr Suggestiv-Funktionen möglich gemacht werden, was konsequenterweise dazu führen muss, dass sich das Gerät auch immer mehr von dem entfernt, was es sein will: ein künstlicher Mensch. Es versteht
84 „The effect is produced by the insertion of a cable pull mechanism at the base of the skull at the back of the head, presumably out of normal vision range, under the hair. There is a cable for each eye with a thumbscrew, which enables the user to lock the eye into position, and maneuver it open and shut at will. / Through this mechanism, the user can close the doll’s eyes as if it were in the throes of passion“, in: Ferguson, siehe Anmerkung 11, S. 45. Mir ist nicht bekannt, ob bei einer der heute noch auf dem Markt erhältlichen Puppe an solch einer Konstruktion festgehalten worden ist.
85 Vgl. ausführlich dazu: Catarina Caetano da Rosa: Androiden als Spie(ge)l der Aufklärung. Hamburg 2020, S. 55-65.
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