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2020: Band 82 (2020): Mensch & Maschine
Entstehung
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Technikanthropologie

Martina Heßler, Kevin Liggieri (Hg.):

Technikanthropologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden: Nomos Verlag 2020, 592 Seiten.

Anthropologie als die Wissenschaft vom Menschen umfasst ein ausgespro­chen breites Spektrum an Forschungsansätzen, sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Mensch und Technik, dem dieses umfangreiche Buch gewidmet ist. Daran haben sich 66 Autorjnnen beteiligt, die meisten aus Deutschland, einige auch aus der Schweiz, Österreich und Frankreich. Aus ihren kurzen Biografien ist die Bandbreite der von ihnen vertretenen Disziplinen zu entnehmen, unter anderem Anthropologie und Ethnologie, Philosophie und Soziologie, Naturwissenschaf­ten und Informatik, Literatur- und Religionswissenschaft, Archäologie sowie Politologie und nicht zuletzt Geschichtswissenschaft.

Auf eine Einführung in die Thematik folgen 74 Beiträge, die in acht Abschnitte gegliedert sind: grundlegende Kapitel (z. B. über Science Fiction), Technikan­thropologien mit biografischem Bezug (16 Personen, chronologisch beginnend mit Rene Descartes), zentrale Konzepte einer Technikanthropologie (darunter das Anthropozän), technisierte Konzepte der Menschen (wie der Cyborg), technisier­te Menschen-Modelle in unterschiedlichen Wissenschaften (etwa in der Medizin), Vermessungen bzw. Körpertechniken (beispielsweise bildgebende Verfahren), technisierte Praktiken und technisierte Wahrnehmungen (darunter die Intuition).

In ihrer Einleitung lassen Heßler und Liggieri den Wandel im Mensch-Technik- Verhältnis Revue passieren. Dieses war lange - und ist teilweise noch - von anthropozentrischen Sichtweisen geprägt, wobei also der Mensch als das Maß aller Dinge galt. Das Aufkommen von Maschinen und Automaten in der Frü­hen Neuzeit ebenso wie die Verdrängung der Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos, ferner Evolutionstheorie und Psychoanalyse sowie in neuester Zeit die vielfältigen Auswirkungen der Digitalisierung haben viele Selbstgewissheiten nachhaltig erschüttert und immer wieder Ängste geschürt. Die beiden Heraus­gebenden betonen überdies, dass viele Aussagen zur Technikanthropologie er­staunlich geschichtslos seien bzw. sich auf eine Diagnose der Gegenwart be­schränkten. Ihnen ist eine historische Fundierung solcher Ansätze wichtig, die als Grundlage für den dringend notwendigen Blick in die Zukunft dienen soll. Den Autorjnnen wurde offenbar viel Freiheit bei der Gestaltung ihrer Beiträge eingeräumt. Das wird etwa im zweiten Teil über bisherige Ansätze zur Technik­anthropologie deutlich, wo die biografischen Angaben eine sehr unterschied-

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