Androiden als Spie(ge)l der Aufklärung
Im ersten Hauptkapitel versammelt sie jene europäischen Philosophen, die sich mit der Frage der Beziehung zwischen Mensch und Maschine beziehungsweise, genauer, mit den Unterscheidungskriterien zwischen Mensch, Tier und Maschinenkörper befasst haben. Indem solche Diskussionen breitenwirksam geworden sind, hat es in ganz Europa - am weitesten entwickelt in Frankreich und der Westschweiz - sehr praktische Umsetzungen dieser Gedanken gegeben. Dass die Entwicklung stets zwischen wirklichem Nachbau menschlicher - oder auch tierischer - motorischer Fähigkeiten und der sehr bewussten Vortäuschung derselben changiert, ist vielleicht ein besonderes Merkmal dieser Zeit. Jedenfalls werden im zweiten Hauptkapitel exemplarisch eine Reihe jener Automaten vorgestellt, die im Laufe des 18. Jahrhunderts das meiste Aufsehen erregt haben: Jacques de Vaucansons Querflötist, Friedrich von Knauss 1 selbstschreibende Wundermaschine, Wolfgang von Kempelens Schachtürke und die Androiden von Vater und Sohn Jaquet-Droz. Diese Beispiele sind hinsichtlich der Quellen, die zu deren Analyse herangezogen worden sind, reichhaltig belegt. Anders als in den zahlreichen Entwicklungsgeschichten, die nach dem Motto „von den Wasserspielen der Antike bis in die robotische Zukunft“ Vorgehen, haben wir es hier mit einer begrüßenswerten Sorgfalt hinsichtlich der Quellennutzung zu tun. Besonders erhellend ist die mehrfach dargelegte kulturelle Funktion der Automaten im Untersuchungszeitraum. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als das steife höfische Repräsentationsgebaren des Rokoko mit den aufbegehrenden und immer selbstbewussteren Ansprüchen der Aufklärung im Widerstreit war, haben diese Automaten eine geradezu schizophrene Aufgabe zugesprochen bekommen. Sie waren gleichermaßen Repräsentanten der überkandidelten Feudalkultur, wie auch der sich noch zaghaft etablierenden Bürgerkultur. Das wird besonders im letzten Hauptkapitel evident, in dem die literarische Bearbeitung des Phänomens behandelt wird, die noch weit ins 19. Jahrhundert reicht; E. T. A. Hoffmanns Sandmann, beziehungsweise die darin auftretende Figur der Olimpia, ist das bis heute bekannteste Beispiel dafür.
Das Manuskript für dieses Buch dürfte in seinen Grundzügen schon einige Jahre vorliegen. Nicht ganz aktuelle Angaben über die gegenwärtige museale Repräsentanz der Automaten und Webhinweise legen diese Vermutung nahe. Der Qualität insgesamt tut das aber keinen Abbruch. Die umfassend konsultierte historische wie zeitgenössische Literatur machen dieses Manko bei weitem wett. Nicht nur hier, wo Weblinks vergleichsweise sehr sparsam eingesetzt worden sind, kann man beobachten, dass solche relativ rasch veralten können. Doch Caetano da Rosa hat, soweit es ihr möglich war, ohnehin auf Printpublikatio-
120