Alles im Fluss
Eisenbahn und Telegrafie, Wasserversorgung und Abwasserkanalisation, Gas- und Stromversorgung ab. Er zeigt auf, wie das Konzept der Infrastrukturen im 19. Jahrhundert entstand, eng verwoben mit Ideen der Aufklärung, der Amerikanischen und der Französischen Revolution. Der moderne Staat sah in ihnen die Voraussetzung für die Zirkulation von Gütern, Menschen und Ideen. Bis heute verbinden sich mit einer funktionierenden Infrastruktur Erwartungen an die Steigerung der Produktion, militärische und soziale Sicherung. Zugleich ist sie ein zentraler Investitions- und Gestaltungsbereich der öffentlichen Hand, Infrastrukturen werden gezielt für das Gemeinwohl, für Kommunikation und Vereinheitlichung, den Wohlstand im Inneren und die Abwehr von (äußeren) Gefahren sowie nicht zuletzt zur Machtdemonstration angelegt und gebaut. In diesem Sinne charakterisiert van Laak Infrastrukturen als Modernitätsfetisch, „ein Versprechen für die Zukunft sowie eine Kategorie des kontinuierlichen Vergleichs mit den Entwicklungs-, Versorgungs- und Anschlussniveaus andernorts“ (S. 282).
Dabei ist das eigentümliche an Infrastrukturen, dass sie in der subjektiven Wahrnehmung quasi unsichtbar werden. Als fester Bestandteil unserer Alltagsrituale werden sie erst dann sichtbar, wenn sie einmal nicht funktionieren, das Wasser kalt bleibt oder der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) streikt. Erst dann werden wir uns unserer „Programmierung“ durch Infrastrukturen bewusst. Zu Recht insistiert van Laak denn auch darauf, diese nicht nur als materielle Ausformungen zu verstehen, sondern als untrennbaren Komplex materieller Strukturen, Maschinen und Praktiken. Infrastrukturen waren und sind Instrumente zur Wahrung oder Durchsetzung von politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder technokratischen Interessen. Es finden sich in ihnen aber auch stets Konstellationen des Augenblicks oder des Zufalls.
Im zweiten Teil greift der Autor einige Charakteristika von Infrastrukturen wieder auf und diskutiert fünf Themen ausführlicher, so die in der Verkehrs- und Infrastrukturgeschichte lange inbrünstig debattierte Frage nach der Organisation von Infrastrukturen, public, private oder partnership, deren (Un)Sichtbarkeit und gleichzeitige Funktion als Machtsymbole, die Lebenszyklen mit ihrem War- tungs- und Instandsetzungsaufwand, die Verwundbarkeit der großtechnischen Netze, die häufig mit Stichwörtern der Resilienz und Kritikalität beschrieben wird und in letzter Zeit zu einer systemischen Umorientierung hin zu dezentralen und somit weniger verwundbaren Strukturen führte sowie schließlich die Kalte Persona, d. h. die Nutzer und Betreiber der Infrastrukturen, die ihr Verhalten auf ein möglichst distanziertes, reibungsloses Driften und Surfen in der ständigen Zirkulation ausrichten.
122