Kl: Schlägt die Maschine den Menschen?
die große Masse der Menschheit in einer dumpfen Entertainment-Kultur zurücklässt. Und wenn Bruhn Wissenschaftler zu Wort kommen lässt, die in zurückhaltender Weise beispielsweise die nicht überprüfbaren Prophezeiungen eines Ray Kurzweil als „eine Mischung aus Müll und guten Ideen“ bezeichnen (S. 86), dann wirkt das auf mich als Leser ein bisschen wie der doch recht simplifizierte Kampf vom redlichen Wissenschaftler gegen den verblendeten Weltzerstörer. Wer Sieger in diesem Kampf bleiben wird, vermag Bruhn jedenfalls nicht vorherzusagen. Insofern erweist sich der Untertitel „Schlägt die Maschine den Menschen?“ nicht einfach als Marketing-Idee des Verlags sondern als tatsächliches Programm des Buches. Wiewohl die Sympathien des Autors ganz klar bei den „seriösen“ Wissenschaftlern angesiedelt sind, zeigt er gehörigen Respekt vor den „Scharlatanen“. Wenn er etwa „selbst“ von ihnen annimmt, dass sie „vielleicht [...] nicht in der Lage sind, die Zukunft in all ihren Facetten vollständig vorauszusagen“ (S. 131), dann unterwirft er sich ihren Allmachtsphantasien. Das Buch lässt einen etwas ratlos zurück. Es weiß mit interessanten und offenbar auch gut recherchierten Episoden aufzuwarten, die Einblicke in demokratisch problematische Gebarungen machtbewusster Konzerne gewähren. Diese lassen sich allerdings nicht ohne Aufwand nachprüfen. Viele der Anmerkungen verweisen nämlich auf Webseiten, die nicht zu finden sind. Das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass diese Seiten mittlerweile womöglich vom Netz genommen worden sind (die meisten Zugriffsdatierungen sind fünf Jahre vor Erscheinen des Buches vorgenommen worden), sondern auch, weil die jeweilige URL schlecht ins Buch übertragen worden ist. So kommen in einer ganzen Reihe von Weblinks Leerzeichen vor, was auf schlecht bearbeitete Umbrüche hindeuten mag, jedenfalls aber die Nachverfolgung eines Zitates - auch mit Deutungsversuchen, wie die Zeichenabfolge richtig sein könnte - nahezu verunmöglicht. Das ärgert genau jene Leserinnen und Leser, die sich intensiver mit dieser Lektüre beschäftigen möchten.
Diese Art der formalen Nachlässigkeit lässt sich auch inhaltlich weiter verfolgen. Wenn beispielsweise davon die Rede ist, dass Google ein „selbstfahrendes, automatisiertes Auto entwickelt“ hat, „das nichts anderes ist als ein Roboter, eine autonom operierende Maschine, die ständig lernt und ihre Intelligenz aus der Datenwolke erhält“ (S. 9), dann wüsste man doch gerne zumindest ein bisschen genauer, was genau mit all diesen Begriffen gemeint ist. Wortwörtlich genommen klingt das nämlich ziemlich beunruhigend. Will man wirklich einer „autonom operierenden Maschine“, die auf diffuse, jedenfalls unkontrollierte Art und Weise ständig intelligenter wird, ausgeliefert sein?
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