Heft 
2020: Band 82 (2020): Mensch & Maschine
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen

Kl: Schlägt die Maschine den Menschen?

Jürgen Bruhn:

Kl: Schlägt die Maschine den Menschen?

Baden-Baden: Tectum Verlag 2019, 161 Seiten.

Die Literatur zu künstlicher Intelligenz ist in den letzten Jahren ins Unüberschauba­re angewachsen. Dementsprechend ist es mittlerweile mit einem gewissen Auf­wand verbunden, die eigene Lektüre zielgerichtet zu selektionieren. Ein Buch, das den etwas reißerischen UntertitelSchlägt die Maschine den Menschen? trägt, würde ich daher nicht zu den ersten zählen, die ich eines Überblicks wegen lesen würde. Auch das Titelbild lässt nicht von vornherein auf eine fundierte Auseinan­dersetzung mit dem Thema schließen. Man ist da mit einem kindlichen, gleich­wohl unheimlich wirkenden roboterhaften Gesicht konfrontiert. Einmal mehr wird also das Phänomen künstliche Intelligenz suggestiv anthropomorphisiert, ohne dass es einen plausiblen Grund dafür gäbe. Bei der Lektüre des Buches finden sich nämlich keine besonderen Hinweise darauf, dass uns die künstliche Intelli­genz in menschenähnlicher Gestalt schlagen könnte. Sie wird vor allem anhand der Anwendungen der großen IT-Konzerne besprochen. Humanoide Roboter, die von einer Klbeseelt sind, treten keine auf. Titelwahl und Covergestaltung sind jedoch stets stark von den Verlagen und deren Vorstellungen bestimmt, was sich verkaufen könnte. Insofern lassen sie nicht zwangsläufig Rückschlüsse darauf zu, wie Autorinnen und Autoren die Inhalte aufbereiten.

Der Journalist Jürgen Bruhn hat einen Ansatz gewählt, der nicht so sehr ver­sucht, künstliche Intelligenz zu erklären und sie hinsichtlich ihrer Eignung für (potentielle) Anwendungsgebiete auszuloten. Es geht ihm vor allem darum, zu besprechen, wer sie für sich wirtschaftlich und politisch dienstbar zu machen versucht. Als Akteure - soweit ich dies überprüft habe, handelt es sich so gut wie ausschließlich um Männer - nennt Bruhn die Ideengeber der großen Tech­nologie-Konzerne vor allem in den USA, aber auch in Japan und China. Das Buch hat eine klare, gleichwohl so nicht dezidiert ausgesprochene Botschaft. Technikbegeisterte und mehr oder minder charismatische Männer leben ihre Allmachtsphantasien in dem Wissen aus, dass sie die gigantische ökonomische Macht dieser Konzerne im Rücken haben. Sie träumen von der technologischen Singularität, die ihnen schier grenzenlose Möglichkeiten geben wird - vor allem eine Art maschinenverschmolzene Unsterblichkeit. Und Bruhn lässt seine Furcht davor spüren, dass diese Phantasien Wirklichkeit werden können. Das Buch ist von der Sorge getragen, dass sich eine technologische Elite, die die allgemeine künstliche Intelligenz beherrscht, die Welt nach ihren Wünschen herrichtet und

130