Juliane Mikoletzky
Lemberg/Lwiw (1844) und in Brünn/Brno (1849). 10 Zielsetzung der Neugründungen, insbesondere des Wiener Instituts, war die industrielle „Aufrüstung“ der Habsburgermonarchie, die sich infolge der napoleonischen Kriege und des 1811 eingetretenen Staatsbankrotts in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befand. Ihre Einrichtung sollte auf die neuen Herausforderungen antworten, die sich durch die gewerblich-industrielle Entwicklung und die damit einhergehende Arbeitsteilung in der Berufswelt stellten: Neue, spezialisierte Berufe waren entstanden, deren Qualifikationen nicht mehr (allein) durch eine handwerkliche Lehre im Rahmen des Zunftwesens vermittelt werden konnten. Die neue „Maschinentechnik“, insbesondere die Dampfmaschine, die zum Signum der Industrialisierung wurde, aber auch etwa neue chemisch-technische Verfahren bedurften zu ihrem Verständnis und zur Anwendung und Weiterentwicklung auch technologisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Insgesamt sollte die Qualität der gewerblich-industriellen Produktion der Monarchie gesteigert und Innovationen gefördert werden.
Wegen dieser grundlegenden gewerbefördernden Ausrichtung waren die Zugangsbedingungen, insbesondere was das Wiener Institut betrifft, zunächst sehr niederschwellig. Eine vorgeschriebene formale Vorbildung für die Zulassung zur Inskription gab es nicht, die Zulassung konnte auch über eine Aufnahmeprüfung erfolgen. Zielgruppe waren explizit (auch) Gewerbetreibende, die bereits im Beruf standen und ihre praktischen Kenntnisse verbessern oder auf eine wissenschaftliche Basis stellen wollten.
Diese Vorgaben hätten grundsätzlich zumindest auch jene Frauen ansprechen können, die bereits gewerblich tätig waren. Dem stand allerdings entgegen, dass als Bildungsziel die Heranbildung von wirtschaftlichen Führungskräften angestrebt war: Damit waren Frauen de facto ausgeschlossen. Die „Verfassung“ des Wiener Polytechnischen Instituts spricht denn auch stets von „Schülern“ bzw. „Frequentanten“; dass Frauen hier nicht „mitgemeint“ waren, geht etwa daraus hervor, dass von den Studierenden unter anderem explizit ein „ruhiges und männliches Betragen“ erwartet wurde. * 11
Dies ist auch zu lesen vor dem Hintergrund des zeitgleich geführten Diskurses über die Rollen und Lebenssphären von Männern und Frauen. In diesem Pro-
10 Die ungarische Reichshälfte besaß mit dem 1782 gegründeten Institutum geometrico-hydro- technicum ebenfalls eine Ingenieurschule. Sie fusionierte 1850 mit der 1846 gegründeten Joszef- Industrieschule zum Joszef-Polytechnikum, das seinerseits eine direkte Vorläufer-Institution der späteren TU Budapest ist.
11 Vgl. Verfassung des kais. königl. Polytechnischen Instituts in Wien, Wien 1818, S. 17.
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