Aufhaltsamer Aufstieg
zess einer „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ 12 wurde Männern zunehmend exklusiv der Bereich der Gesellschaft/des „Außenbereichs“ zugewiesen, während Frauen sich strikter auf die Sphäre des Hauses/des „Innenbereichs“ beschränken sollten. Führungspositionen waren in diesem Modell für Frauen nicht vorgesehen. Die tatsächliche praktische Umsetzung solcher Postulate dürfte allerdings noch nicht allzu rigoros und vor allem schichtspezifisch recht unterschiedlich erfolgt sein, am ehesten bei den „besseren Ständen“, während in Arbeiterhaushalten und bei den kleinen Gewerbetreibenden sichtlich größere Spielräume bestanden. Außerdem veränderten sich die Gewichtungen im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in dem Maße, in dem sich die arbeitsteilige Industriegesellschaft durchsetzte. 13 Die Argumentationsfiguren aus diesem Diskurs blieben nachhaltig verankert; wir werden ihnen später bei der Diskussion um die Zulassung von Frauen zum Technikstudium wieder begegnen.
Da also Frauen die formalen Wege des Wissenserwerbs zunächst nicht zugänglich waren, ist zu fragen, auf welche Weise sonst sie sich „technisches Wissen“ für eine allfällige gewerbliche Tätigkeit hätten aneignen können. Schulen kamen dafür am wenigsten in Betracht: Das Mädchenschulwesen in der Monarchie war ausgesprochen rudimentär. Aufgrund der Allgemeinen Schulordnung von 1774 bestand für Knaben und Mädchen eine Schulpflicht vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr (ab 1869 bis zum 14. Lebensjahr). Zugleich wurde eine möglichst getrennte und inhaltlich unterschiedlich profilierte Schulbildung für beide Geschlechter angestrebt. Über die Volksschule hinausführende Bildungsmöglichkeiten für Mädchen wie Bürgerschulen waren zwar grundsätzlich vorgesehen, wurden aber kaum realisiert. So blieben auf lange Zeit der private häusliche Unterricht und/oder private „höhere Töchterschulen“, oft als Internate unter Leitung von Schulorden, die einzigen Angebote einer Weiterbildung für Mädchen der „besseren“ Stände. Mädchen der unteren Schichten wurden in sogenannten „Arbeitsschulen“ oder „Industrieschulen“ in handwerkliche Fertigkeiten, meist im Textilbereich, wie Spinnen, Weißnähen, Klöppeln, Stricken und ähnliches, oft im Anschluss an oder in Verbindung mit der Volksschule eingeübt. 14
12 Karin Hausen: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere - eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart 1976, S. 363-393.
13 Siehe dazu u. a. Josef Ehmer: „Innen macht alles die Frau, draußen die grobe Arbeit macht der Mann“ Frauenerwerbsarbeit in der industriellen Gesellschaft, in: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Michael Mitterauer (Hg.): Frauenarbeitswelten. Wien 1993, S. 81-103.
14 Vgl. Margret Friedrich: „Ein Paradies ist uns verschlossen. Zur Geschichte der schulischen Mädchenerziehung in Österreich im „langen“ 19. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar 1999, hier S. 166-205.
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