Juliane Mikoletzky
Ansonsten waren Frauen vor allem auf informelle Bildungswege angewiesen. Kenntnisse, wie sie für einen Gewerbebetrieb notwendig waren, dürften sie sich am ehesten als Mithelfende in der Praxis des Familienbetriebs angeeignet haben. Eine weitere Möglichkeit des privaten Wissenserwerbs bestand für entsprechend gebildete Frauen in der Lektüre: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Werke, die naturwissenschaftliche, insbesondere chemische Kenntnisse speziell „für Damen“ vermittelten. 15 Die Verfasser (selten auch Verfasserinnen) wandten sich oft in Briefform an ihre Leserinnen und zielten dabei meist auf die Verwendbarkeit des vermittelten Wissens in der Hauswirtschaft ab. Es ging also um eine Form der Wissenschaftspopularisierung für eine spezielle Zielgruppe. Bei den Autoren handelte es sich teils um bekannte Professoren ihres Fachs, wie August Wilhelm Lampadius oder Philipp Alois von Hol- ger. 16 Wir wissen zwar wenig über die tatsächliche Rezeption dieser Schriften, doch war das Genre lange Zeit sehr erfolgreich, was für ein intensives Interesse von Seiten der Leserinnenschaft spricht. Etwa seit den 1830er-Jahren wurden die Buchpublikationen langsam abgelöst durch Zeitschriften, die sich um die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an ein breiteres Publikum bemühten. Dafür, dass die Lektüre solcher populärer Zeitschriften Frauen tatsächlich auch zu Innovationen anregen konnte, besitzen wir einen singulären Beleg in der Privilegienbeschreibung von Sophie Heimann-Regen: Diese berichtet darin, dass sie durch die Lektüre eines Artikels aus dem „Pfennig-Magazin“ von 1833 über die Materialqualitäten des Ägyptischen Papyrus dazu angeregt worden sei, für die Herstellung von Pressspänen einheimisches Schilfrohr zu verwenden. 17 Das „Pfennig-Magazin für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“, ab 1833 in Leipzig von der „Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“ herausgegeben, war die erste deutsche Wochenzeitschrift zur Wissenschaftspopularisierung. Dass Sophie Heimann-Regen diese Publikation offenbar bald nach Erscheinen gelesen hat, signalisiert ihr großes Interesse an solchen Themen.
15 Vgl. dazu lldiko Szäsz: Chemie für die Dame. Fachbücher für das „schöne Geschlecht“ vom 16. bis 19. Jahrhundert. Königstein/Taunus 1997, zur naturwissenschaftlichen Bildung von Frauen insbes. S. 37-59. Dabei wird auch auf die eher abwertende zeitgenössische Diskussion über „gelehrte Frauenzimmer“ eingegangen.
16 Die Werke von Lampadius und Holger befanden sich auch im Bestand der Bibliothek des k. k. Polytechnischen Instituts (Vgl. Anton Martin: Katalog der Bibliothek des k. k. Polytechnischen Instituts in Wien. 2. Auflage Wien 1868).
17 Vgl. Archiv der Technischen Universität (AT TUWA), Privilegiensammlung, Priv.-Reg. Nr. 2040 ex 1834, Beschreibung. (Sie bezieht sich auf einen Artikel über „Das ägyptische Schilfrohr“ in: Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung Gemeinnütziger Kenntnisse 21 (1833), S. 168); zum „Pfennig-Magazin“ siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Rennig-Magazin (6.8.2019)
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