Aufhaltsamer Aufstieg
Eine weitere Form der Verbreitung technisch-wissenschaftlicher Kenntnisse für ein breiteres Publikum waren öffentliche Vorträge von anerkannten Wissenschaftlern. Schon für das späte 18. Jahrhundert sind Vorträge für „Handwerksleute“ an der Universität Wien bekannt; von Professoren des Wiener Polytechnischen Instituts wurden seit 1813 (also noch vor seiner eigentlichen Gründung) über kaiserlichen Wunsch sogenannte „Populäre Sonntagsvorlesungen“ abgehalten, die ausdrücklich für „Jedermann“ zugänglich waren. Auch an den Instituten in Prag und Graz gab es diese Einrichtung. Die Vorträge behandelten technisch-naturwissenschaftliche Themen, oft mit praktisch-gewerblichem Bezug, etwa die Seifensiederei oder das Bierbrauen, und möglicherweise haben auch Frauen daran teilgenommen. Insbesondere seit dem Vormärz wurden sogar spezielle Vorträge für diese Publikumsgruppe angekündigt. 18 So sind für das Wiener Polytechnische Institut in den 1840er- und 1850er-Jahren öffentliche Vorträge für „Damen“ der Professoren Friedrich Hessler (Physik) und Anton Schrötter (Chemie) nachweisbar.
Regulär waren weder Universitäten noch die neuen polytechnischen Institute für Frauen zugänglich, auch wenn es schon im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder Einzelfälle gab, in denen Frauen als Externe an Universitäten zugelassen wurden und dort auch promovieren konnten - so z.B. die Doktorin der Medizin Dorothea Leporin-Erxleben, deren Urenkel August Ludwig Krause später die Tochter des ersten Direktors des Wiener Polytechnischen Instituts, Johann Joseph Prechtl, heiraten sollte. 19 1849 erlaubte eine Verordnung des neugeschaffenen Ministeriums für Cultus und Unterricht die Abhaltung von Vorlesungen nur für Frauen an Universitäten ausdrücklich, ebenso wie die Anwesenheit von Frauen in den allgemeinen Vorlesungen, sofern der betreffende Professor zustimmte; auch dies ist als ein weiteres Indiz dafür anzusehen, dass Frauen zunehmend „Umwege“ suchten, um sich „wissenschaftliches“ Wissen zu verschaffen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich nicht nur im politischen, sondern auch im Bildungsbereich aufgrund der inzwischen eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen ein Reformdruck bemerkbar. Entsprechende Forderungen
18 Vgl. Juliane Mikoletzky: Frauen, Naturwissenschaft und Technik und die Wiener Technische Hochschule: Eine Spurensuche, in: Mikoletzky, Georgeacopol-Winischhofer, Pohl, siehe Anmerkung 3, hier S. 17-28. Zuletzt auch: Dies.: „... unter den gleichen Bedingungen wie die Männer“, in: Krammer, Szeless, siehe Anmerkung 1, S. 36-43.
19 Vgl. dazu u. a. Renate Feyl: Der lautlose Aufbruch. Frauen in der Wissenschaft. 2. Auflage Köln 1994, darin: Dorothea Christiana Erxleben, S. 51-64. Mikoletzky .Georgeacopol-Winischhofer, Pohl, siehe Anmerkung 3, S. 20.
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