Juliane Mikoletzky
waren schon während der Revolution 1848 vorgebracht worden, damals vor allem von den Studierenden. Als eine Reaktion darauf sind die Schul- und Universitätsreformen des Ministeriums Thun-Hohenstein anzusehen, mit dem Ziel, das Bildungswesen besser zu strukturieren und effizienter zu machen. Die Einführung der Matura als Zugangsvoraussetzung zum Universitätsstudium 1849 sollte die philosophischen Fakultäten von ihren propädeutischen Funktionen entlasten und ihnen eine stärker wissenschaftliche Ausrichtung ermöglichen. Mit der Einrichtung von Realschulen als Regelschulen 1851 wurde das gewerbliche Schulwesen auf eine neue Grundlage gestellt. Sie sollten insbesondere auf die technischen Berufe und ein Studium an den polytechnischen Instituten vorbereiten und ebenfalls mit einer Matura abschließen. Ab 1866 wurde die Matura auch an den polytechnischen Instituten als Zulassungsvoraussetzung verlangt. Parallel dazu entwickelte sich die Berufsgruppe der „Ingenieure“ in Richtung einer stärkeren Professionalisierung. 20 Schon im Rahmen der Revolution von 1848 hatten sich die „Techniker“ als soziale Gruppe manifestiert: Nicht nur schlossen sich die Hörer des Wiener Polytechnischen Instituts als eigenes „Technikerkorps“ der „Akademischen Legion“ der Universität Wien an 21 ; im Sommer 1848 wurden sowohl der „Österreichische Ingenieur-Verein“ (ÖIV) als auch der „Österreichische Architekten-Verein“ (ÖAV) als standespolitische Interessensvertretungen gegründet (die beiden schlossen sich 1864 zum bis heute bestehenden ÖIAV zusammen). Bereits im September des Revolutions- jahres meldete sich der ÖIV erstmals mit Vorschlägen zu einer „Organisirung [sic] der technischen Anstalten in der österreichischen Monarchie“ zu Wort. 22 Er sollte auch späterhin, als ÖIAV, immer wieder mit Erfolg in ausbildungs- und standespolitischen Fragen der „Techniker“ intervenieren.
An den polytechnischen Instituten hatte sich inzwischen herausgestellt, dass sich ihre Hörer keineswegs, wie ursprünglich erwartet, überwiegend aus bereits ausgebildeten „Gewerbsleuten“ zusammensetzten, sondern mehrheitlich aus Absolventen von Gymnasien oder der wenigen Realschulen. Auch hatte sich seit der Gründungsphase das Feld der technischen Wissenschaften er-
20 Vgl. dazu allgemein Walter Kaiser, Wolfgang König: Geschichte des Ingenieurs. Ein Beruf in sechs Jahrtausenden. München, Wien 2006; siehe auch Paulitz, siehe Anmerkung 6; für Österreich: Juliane Mikoletzky: Der „österreichische Techniker“ Standespolitik und nationale Identität österreichischer Ingenieure 1850-1950, in: Klaus Plitzner (Hg.): Technik - Politik - Identität. Funk- tionalisierung von Technik für die Ausbildung regionaler, sozialer und nationaler Selbstbilder in Österreich. Stuttgart 1995, S. 111 -124.
21 Siehe Juliane Mikoletzky: „... um der Rettung der Freiheit willen!“ Das Jahr 1848 und die Folgen am k. k. Polytechnischen Institut in Wien (= Veröffentlichungen des Universitätsarchivs der TU Wien, Heft 5). Wien 1998, S. 20-23.
22 Ebd., S. 26.
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