Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
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Aufhaltsamer Aufstieg

heblich erweitert. Zu strukturellen Reformen kam es jedoch erst ab Mitte der 1860er-Jahre: Sie sollten einerseits das Profil der polytechnischen Institute als wissenschaftliche Institutionen den Universitäten annähern. Folglich wur­den sie im Laufe der 1870er-Jahre in den Rang von Hochschulen erhoben (Wien 1872, Brünn 1873, Graz 1874, Prag 1879). Andererseits sollten da­durch für ihre Absolventen Zugangsberechtigungen auch zu Führungspositio­nen in Industrie und Verwaltung eröffnet werden. 23 In diesem Kontext erfolg­te zumindest in Wien auch die Streichung derPopulären Vorlesungen aus ihrem Aufgabenspektrum. 24

Beide Entwicklungen, sowohl die Professionalisierung des Ingenieurberufs als auch die zunehmende Betonung der Wissenschaftlichkeit des Technikstudiums und der Ausbau des Berechtigungswesens, waren für Frauen nicht von Vorteil. Sie wirkten vielmehr in Richtung ihrer noch deutlicheren, weil nun auch formal begründeten Ausgrenzung. So dürfte es kein Zufall gewesen sein, dass ein zwischen 1874 und 1876 in den Räumen der TH in Wien abgehaltener mathe­matischer Fortbildungskurs für Frauen (Mathematisches Damen-Collegium) gerade zu jenem Zeitpunkt nicht mehr gestattet wurde, als die Einführung von Staatsprüfungen als Abschlussprüfungen (ab 1878) in Aussicht stand und der Kampf um weitere Statuserhöhungen wie das Promotionsrecht und um einen Titel für akademisch gebildete Ingenieure begann. Im Kontext der neuen stan­despolitischen Ziele der Ingenieure erschien eine Präsenz von Frauen offenbar eher kontraproduktiv.

In die gleiche Richtung weist für die Universitäten eine Verordnung des Unter­richtsministeriums aus 1878, die die Anwesenheit von Frauen als Gasthörerinnen in Vorlesungen deutlich restriktiver als bisher regelte und vor allem hervorhob, dass weiblichen Gästen keinesfalls irgendwelche Zeugnisse ausgestellt werden durften. 25 Tatsächlich zeigte sich nach der Jahrhundertmitte offenbar ein größerer Andrang von Frauen zu den Universitäten, teils sicher aus Bildungsinteresse, teils aber auch auf der Suche nach neuen Berufsperspektiven. Vor allem für die Töch-

23 Vgl. dazu u. a. Juliane Mikoletzky: Vom Polytechnischen Institut zur Technischen Hochschule. Die Reform des technischen Studiums in Wien, 1850-1875, in: Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte, Jahrgang 15, 1995, S. 79-100.

24 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Typus volksbildender Vorträge nicht nur an der Universität Wien, sondern auch an der TH in Wien in Form vonVolkstümlichen Vorträgen wieder aufgenommen, vgl. dazu Juliane Mikoletzky: Zwischen Wissensvermittlung und Interessenpolitik: Technische Volksbildung an der Technischen Hochschule in Wien bis 1938, in: Juliane Mikoletzky (Hg.): Die Technik und die Musen. Kunst und Kultur im Umfeld der Technischen Universität Wien (= Sabine Seidler (Hg.): Technik für Menschen. 200 Jahre Technische Universität Wien, Band 14), Wien, Köln, Weimar 201 6, S. 91 -118.

25 Verordnung des Ministers für Kultus und Unterricht vom 6. Mai 1878, Z. 5385, Min. VB Nr. 15.

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