Aufhaltsamer Aufstieg
Aus der erweiterten Möglichkeit zum Erwerb der Maturareife für Mädchen entstand bald ein Druck auf die Universitäten, die formal qualifizierten Absolventinnen auch tatsächlich zum Studium zuzulassen - sowohl durch individuelle Zulassungsgesuche als auch durch Petitionen von Frauenvereinigungen. Außerdem wurde die Möglichkeit eines Studiums im Ausland, oft in der Schweiz, genutzt, um dann eine Zulassung an österreichischen Universitäten zu erlangen. 1896 wurde Frauen erstmals eine Nostrifizierung auswärtiger Studien ermöglicht; noch im selben Jahr erhielt die erste Doktorin der Universität Wien, Gabriele Possanner von Ehrental, den österreichischen Doktorgrad aufgrund eines Nostrifizierungsverfahrens ihres in der Schweiz erworbenen Doktorats aus Medizin.
1897 genehmigte das Unterrichtsministerium mit Erlass vom 23. März die Öffnung der Philosophischen Fakultäten für ordentliche Hörerinnen. Die Zulassung zu den übrigen Studien erfolgte fakultätsweise und zog sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hin. 27 Während in den meisten übrigen europäischen Staaten die Zulassung von Frauen wenn, dann gleich für alle Studien ausgesprochen wurde, ist dieses Muster der graduellen Öffnung des tertiären Bereichs für Frauen charakteristisch für die österreichische Entwicklung. Ihm folgte auch die Entwicklung an den Technischen Hochschulen. Argumentiert wurde dieses schrittweise Vorgehen von Seiten der Unterrichtsverwaltung in der Regel mit möglichen (oder eben fehlenden) Berufsperspektiven für Absolventinnen.
Das 19. Jahrhundert brachte also einerseits die Entfaltung der Technik als Wissenschaft, die Errichtung spezialisierter technischer Lehranstalten mit immer stärker geregelten Bildungswegen und die Professionalisierung des Ingenieurberufs; für Frauen bedeutete dies andererseits zunächst einen Ausschluss von der Partizipation an neuen Ausbildungs- und auch Berufsmöglichkeiten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts gab es mit dem Ausbau des Mädchenschulwesens und schließlich der teilweisen Zulassung von Frauen zu Universitätsstudien eine Art „Trendumkehr“. Dabei ist eine Art Wechselspiel zwischen der Verbesserung der Mädchenbildung, die zugleich formale Rechtsansprüche generiert, und der Eröffnung neuer Bildungs- und Berufsfelder zu erkennen. Diese systemimmanente Dynamik ist auch bei der Ausdehnung der Studienzulassung auf weitere Fakultäten wirksam.
27 So zu den medizinischen und pharmazeutischen Studien 1900, zu den übrigen Fakultäten wie auch zu den technischen Studien erst ab 1919/20, an der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien erst 1923, die katholisch-theologischen Fakultäten in Wien und Graz erlaubten Frauen den Zugang erst ab 1946/47. Vgl. dazu u. a. Heindl, Tichy, siehe Anmerkung 4; für Graz u. a. Alois Kernbauer, Karin Schmidlechner (Hg.): Frauenstudium und Frauenkarrieren an der Universität Graz. Graz 1996.
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